08.09.2026, 09:48
(08.09.2026, 08:23)Oliver schrieb:(08.09.2026, 07:12)Reichtathletik schrieb: Es wird so getan als ginge es uns in den 80er-Jahren besser, was einfach nicht stimmt.
Beim technischen und medizinischen Fortschritt hast du völlig recht. Wir haben heute das Internet, Smartphones und weitaus sicherere Autos.
Wenn die Leute aber sagen „früher war alles besser“, meinen sie die wirtschaftliche Sicherheit für die breite Bevölkerung.
* Das Immobilien-Paradoxon: In den 1980er-Jahren kostete ein Haus in Deutschland im Schnitt das 4- bis 5-Fache eines Jahresgehalts. Heute liegt das Verhältnis von Immobilienpreisen zu Einkommen laut Daten der Deutschen Bundesbank vor allem in deutschen Ballungsräumen extrem weit darüber (oft das 10- bis 15-Fache). Damals reichte ein normales Alleinverdiener-Einkommen für ein Einfamilienhaus, heute müssen zwei Akademiker oft um eine Doppelhaushälfte ohne Keller kämpfen.
* Stagnierende Nettolöhne & Ungleichheit: Langzeitauswertungen des Statistischen Bundesamtes zeigten, dass die realen (also inflationsbereinigten) Nettolöhne in Deutschland zeitweise exakt auf das Niveau von 1986 zurückgefallen waren (Quelle: Destatis via STERN). Studien der Hans-Böckler-Stiftung zum Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) belegen zudem, dass der reale Wohlstand für die Masse wegen der stark gestiegenen Ungleichheit seit den 80ern vom BIP-Wachstum komplett abgekoppelt wurde (Quelle: IMK / Hans-Böckler-Stiftung).
* Explodierende Wohnkostenbelastung: Während in der alten Bundesrepublik der 80er-Jahre meist um die 20 % des Haushaltsnettoeinkommens für die Warmmiete ausreichten, sieht die Welt heute anders aus. Nach aktuellen Mikrozensus-Daten des Statistischen Bundesamtes liegt die durchschnittliche Mietbelastung in Deutschland bei knapp 28 %. In Ballungsräumen und bei Neuverträgen müssen Millionen Haushalte sogar 40 % oder über 50 % ihres Nettoeinkommens allein für die Miete aufbringen. Dieses Geld fehlt komplett beim privaten Vermögensaufbau.
Uns geht es heute bei Konsum, Technik und Luxusgütern besser. Bei den essenziellen Lebensgrundlagen wie bezahlbarer Wohnraum, finanzielle Planbarkeit und Familiengründung mit einem verlässlichen Einkommen hatten es die Menschen in den 80ern in Deutschland tatsächlich spürbar leichter.
Wenn die Politik mehr auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen würde, dann würde es die AFD vermutlich nicht mehr geben, bzw. wäre ins Nirvana verschwunden.
Dies alles rechtfertig natürlich nicht, dass man diese Partei wählt. Man sollte aber nicht automatisch einen Wähler dieser Partei mit einen Rechtsradikalen gleichsetzen. Die meisten Wähler sind für mich Protestwähler.
Mich persönlich stört das zunehmende Framing und bilden von Stereotypen in unserer Gesellschaft. Es sollte mehr über Fakten berichtet und den Zuhörern mehr zugetraut werden, ihre eigene Meinung zu bilden. Vorgefertigte Meinungen, wie sie leider viel zu häufig in unserer Gesellschaft unreflektiert wiedergegeben werden, stören mich persönlich sehr.
Mittelschicht in Deutschland - Das Abstiegsgespenst
Der Artikel ist schon von 2016
Zitat:Aufstieg durch Leistung – möglich für alle! Das war das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft der alten BRD. Doch es gilt längt nicht mehr. Die Mittelschicht wird immer dünner.
Zitat:Ökonom Fratzscher
Trotzdem, ein weiterer wichtiger Grund für die höhere Ungleichheit liegt vor allem bei den Beschäftigungsformen. Heute arbeiten sehr viel mehr Menschen in prekärer Beschäftigung, arbeiten Teilzeit, sind solo-selbständig, haben unterbrochene Erwerbsbiographien, sind also häufiger mal arbeitslos. Auch deshalb sehen wir diese abnehmende Größe der Mittelschicht durch diese Beschäftigungsformen.
(...)
In den sechziger Jahren gehörten 69 Prozent zur Mittelschicht, inzwischen sind es nur noch 61 Prozent. Dabei gehört die Chance zum sozialen Aufstieg zum Gründungsmythos der sozial befriedeten Bundesrepublik: Wenn sich einer richtig anstrengte, konnte er sich ein Leben mit Haus, Auto und jährlichem Urlaub leisten.
Denn immer weniger Menschen gerade in der Mittelschicht, können profitieren, können teilhaben am Wachstum, am Wohlstand in Deutschland. Und das hat sich über die Jahrzehnte verschlechtert.“
Zitat:ie Zahlen des DIW machen die wachsende gesellschaftliche Ungleichheit in Deutschland sichtbar. Die Mittelschicht schmilzt, Arme bleiben arm und die Reichen werden noch reicher. Der Soziologie-Professor Oliver Nachtwey, der derzeit an der Frankfurter Goethe-Universität lehrt, hat darüber aktuell ein Buch geschrieben: „Die Abstiegsgesellschaft“(...)
In den sechziger Jahren arbeiteten neunzig Prozent aller Arbeitnehmer in einem sogenannten Normal-Arbeitsverhältnis, also eine unbefristete Anstellung mit Kündigungsschutz und mit Kranken-, Renten-, und Arbeitslosenversicherung.(...)
Ende 2011 waren fast ein Drittel aller Beschäftigungsverhältnisse das, was Soziologen prekär nennen: Arbeiten auf Abruf, befristete und schlecht bezahlte Verträge und Honorare.
“Anything we can actually do we can afford” Keynes

