15.12.2025, 23:44
(15.12.2025, 09:37)muffman schrieb: Aber ab dem Punkt, ab dem die Ehrenamtspauschale quasi den Mindestlohn unterschreitet, kann man sich schon so seine Gedanken machen. [...] Normalerweise ist es sogar illegal, Menschen unbezahlt arbeiten zu lassen. Im System Ehrenamt wird im Prinzip die Leidenschaft und Begeisterung von Menschen für eine Sache ausgenutzt.
Aufwandsentschädigungen im Rahmen der Ehrenamtspauschale sind komplett unabhängig vom Mindestlohn. Ich kenne viele Vereine, in denen der unterschritten wird; wenn nicht für lizenzierte Trainer, dann zumindest oftmals für diejenigen ohne Lizenz.
Da das Ganze freiwillig erfolgt, sehe ich hier auch das Problem nicht. Da gibt es ganz andere Bereiche, in denen in Deuschland wirklich systematische Ausbeutung von Arbeitsleistung auch von Seiten des Staats erfolgt: Im Vorbereitungsdienst für den höheren Dienst, der im Normalfall ein fünfjähriges Studium voraussetzt, liegt die Bezahlung beispielsweise sehr deutlich unter dem Mindestlohn bei oftmals höherem Arbeitsaufwand als den nominellen 40h. Was im Wissenschaftsbetrieb abläuft, ist auch nicht wirklich besser. Und in beiden Fällen gibt es keine Alternative um die Voraussetzungen für die angestrebte Karrieren zu erfüllen.
Aber das sind doch zwei grundsätzlich verschiedene Paar Schuhe. In einem Fall muss ich meinen Lebensunterhalt verdienen und im anderen Fall geht es darum, dass ich in meiner Freizeit dazu beitragen möchte, dass die Leichtathletik weiterhin auf Solidaritätsprinzipien funktioniert und damit alle, die daran Interesse haben, teilhaben können. Einer Kommerzialisierung versteckt als Professionalisierung stehe ich da sehr kritisch gegenüber. Wenn jeder Verein seine Trainer haupt- oder auch nebenamtlich einstellen müsste, also Mindestlohn, Bezahlung der Organisations- und Planungszeit, Wettkampffahrten als Arbeitszeit etc. gäbe es bald keinen Nachwuchs- und damit auch keinen Leistungssport mehr. Wenn jeder Veranstalter seine Kampfgerichte nach solchen Prinzipien entlohnt, werden Meldegebühren und Eintrittspreise sich vervielfachen, und das in den meisten Fällen sicherlich ohne einen Mehrwert für den Sport! Damit wird nicht nur die Teilhabe von Sportlerinnen und Sportlern erschwert, sondern auch die Möglichkeiten niedrigschwellig etwas an den Sport zurückzugeben.
Leichtathletik ist zum Glück in der Breite noch keine Serviceindustrie, auch wenn man immer wieder auf Athleten bzw deren Eltern trifft, die eine entsprechende Erwartungshaltung haben. Aber die Leichtathletik lebt nicht von professionellen Hauptamtlichen, sondern vom Engagement der Ehrenamtlichen. Und das macht uns vielseitig und flexibel.
Natürlich braucht es eine Grundstruktur aus Hauptamt. Und wie ich hier im Forum auch schon mehrfach postuliert habe, braucht es davon mehr und das dezentral. Das ist ja keine Frage. Aber diese Struktur muss trotzdem durch ehrenamtliches Engagement mit Leben gefüllt werden. Ich denke, der Diskurs sollte sich eher darum drehen, wie wir als Gesellschaft Ehrenamt wieder mehr wertschätzen und dem einen höheren Stellenwert zuweisen als darum solches Engagement mit Ausbeutung gleichzusetzen. Die Bezahlung, die mir wichtig ist, lässt sich nämlich nicht pekuniär ermessen. Ich kann dir nicht sagen, wie viel Euro dafür angemessen ist, Athletinnen und Athleten dabei zu helfen, ihre Ziele zu verwirklichen. Egal ob PB beim Kreiswettkampf, DM-Teilnahme oder internationaler Start. Mindestlohn ist darauf aus meiner Sicht jedenfalls nicht die passende Antwort.
Attraktivere Bezahlung ist möglicherweise die Antwort auf die Frage, wie man Nachwuchstrainer und -kampfrichter gewinnt, die sich in Studium oder Ausbildung befinden. Aber jemandem mit 10+ Jahren Erfahrung, der mitten im Berufsleben steht, sind normalerweise andere Dinge wichtiger.

