Zitat:es ist natürlich dennoch toll wenn man im Beruf aufgeht und ist tausend mal besser als die Arbeit zu hassen, aber auch da muss man aufpassen.
Wenn man etwas liebt (ob Menschen oder Sachen) unterliegt man immer der Gefahr, mehr zu geben, als die eigentlichen gesunden Grenzen zu sehen. Man schaltet oft einfach den Verstand aus. Wenn solche Situationen über lange Zeiträume gehen, wird´s manchmal kritisch. Man sieht durch die rosarote Brille die Gefahrquellen nicht mehr. Wenn ich heute interessante Artikel oder Bücher lese, höre ich um 22-23 Uhr konsequent auf. Früher habe ich bis 4 Uhr morgens manchmal durchgemacht und bin dann nach drei Stunden Schlaf wieder aufgestanden. Der Schlaf wird dann irgendwann auf drei Stunden getaktet und man steht nach drei Stunden senkrecht im Bett. Das Immunsystem gerät völlig aus den Fugen.
Mein genetisches Potential liegt sicherlich bei 100 Jahren. Meine Mutter ist 99 Jahre alt geworden. Ich habe aber totalen Raubbau über Jahre betrieben und bin dabei, die kranken Stellen wieder einigermaßen gesund zu pflegen. Ich bin da im Verbund mit einem anderen ehemaligen Bundestrainer mit denselben Symptomen. Wir beide arbeiten konsequent an den "Baustellen". Wenn die Vernunft siegt, geht´s auch wieder aufwärts.
Junge Menschen wie Tim geraten vornehmlich durch Begeisterung für die Sache auf eine derartige Schiene. Man vergisst die kleinen Auszeiten und "Oasen". Wenn ich heute in meinem Garten arbeite und von meinem Rotkehlchen "verfolgt" werde, erzeugt das in mir ein Glücksgefühl. Früher wollte ich die Arbeit möglichst schnell hinter mich bringen. Die Perspektiven müssen stimmen, um gesund zu bleiben. Wir Deutschen haben Probleme mit der Psychologie. Die Amerikaner nehmen sofort fachmännische Hilfe in Anspruch. Hier verbindet man das eher mit einem geistigen Schaden, was absolut falsch ist. Es gibt in dieser Hinsicht enorme fachliche Hilfen, die uns als Nicht-Fachleuten nicht vertraut sind. Man muss sich dieser Unfähigkeit nicht schämen.
Der unfreiwillige Abschied vom absoluten Leistungssport besonders durch eine Person aus meinem damaligen Umfeld durch Mobbing herbeigeführt hat in mir eine unheimliche Enttäuschung und Leere und auch ein psychisches Loch hervorgerufen. Ich habe mir lange danach eine eigene Philosophie erarbeitet. Bei geplatzten Träumen - wodurch auch immer - gibt es verschiedene Inseln, die uns zur Verfügung stehen. Wenn man zu fest auf einer Insel zu weit von den anderen Inseln entfernt steht, sieht man die anderen nicht. Ich habe gelernt, dass es auch andere Inseln mit tollen Inhalten gibt, die sich lohnen, entdeckt zu werden. Ich würde heute niemals mehr nur auf eine Insel setzen. Insofern sehe ich meine damalige Situation heute als eine ungeheure Chance an, anderes außer Leistungssport in mein Leben zu lassen und Freude daran zu haben. Diese Chancen muss man lernen zuzulassen. Es ist sehr wichtig, sein Haus auf verschiedenen Fundamentstützen zu bauen; ansonsten fällt es wie ein Kartenhaus zusammen. Ich habe meine Emotionen heute so unter Kontrolle, dass ich z.B. die damalige Mobbingsituation viel eher erkannt hätte. Mich kann so leicht kein Mensch mehr täuschen und für seine Ziele ausnutzen. Man muss auch im Zusammenhang mit Athleten lernen, frühzeitig einen Cut zu machen, wenn Situationen aus dem Ruder laufen oder beginnen, Wunden zu hinterlassen. Ich beende solche Situationen heute sofort!!!
Für den Athleten wird alles gemacht. Wo bleibt aber der Trainer mit seinen Bedürfnissen? Das sieht kaum ein Verband vor. Dabei wäre es sehr wichtig, auch ihn auf die gesunde Schiene mitzunehmen.
Ich habe an unserem Gymnasium damals Prof. Dr. Hans Eberspächer eingeladen, der den Eltern und Schülern unglaubliche Mechanismen gezielter Verfahrensweisen vermittelt hat. Wir haben in Köln zur selben Zeit studiert.
Gertrud

