03.09.2026, 11:26
(03.09.2026, 10:41)Notalp schrieb: @800m Läufer
Im Hinblick auf meine historische Betrachtung kann ich deinem Manifest leider nicht zustimmen. Es genügt bereits der Blick auf die Reaktionen auf das Freiburger Modell des Intervalltrainings. Etwa durch den Trainer Lydiard: der in seiner Methodik auf pers. Erfahrungen und Traditionsbestände zurückgegriffen hat. Dein Blick entspricht dem gängigen Modell wissenschaftlicher Entwicklung. Ich halte das keineswegs für falsch, aber wie Du schon an anderer Stelle betont hast, verdankt sich ein gutes Training einer gezielten individuellen Konzentration, verbunden mit der Erfahrung eines versierten Trainers. Die individuelle Konzentration fußt natürlich auf der Kenntnis von Stärken und Schwächen. Um die herauszufinden, ist eine wissenschaftliche Akribie von großem Vorteil. Aber das individuell zugeschnittene Training, von dem ich glaube, dass es der Schlüssel außergewöhnlicher Leistungen ist (wobei ich einmal bewusst absehe von dem unerlaubten Einsatz regenerativer Hilfsmittel), basiert nicht auf einer wissenschaftlichen Methode, sondern auf einer Erfahrung, die wissenschaftliche Methoden einbezieht, aber auf einem nicht- wissenschaftlichen Erfahrungshintergrund.
@Gertrud
Ich habe keinen Zweifel an Ihrem Erfahrungshorizont. Ich beziehe mich bei meinem Eindruck auf viele Ihrer Statements hier. Aber in der Interpretation liege ich auch gerne falsch!
Du hast recht: Mein ursprünglicher Beitrag klang fast wie ein technologisches Manifest. Eigentlich wollte ich nur beschreiben, wie ich die langfristige Entwicklung sehe.
Dass Trainer wie Arthur Lydiard damals aus reiner Erfahrung arbeiten mussten, lag schlicht daran, dass es fast keine Echtzeitdaten, kaum Diagnostik und wissenschaftlich abgesicherte Stoffwechselmodelle gab. Sie hatten keine Wahl – sie mussten sich über Versuch und Irrtum an die Wahrheit herantasten mit Vertrauen auf ihren Beobachtungen ohne die Mechanismen dahinter erfassen zu können.
Was heute oft als „unersetzbare Erfahrung“ bezeichnet wird, ist im Kern die menschliche Fähigkeit, aus unvollständigen Informationen ein Gefühl für den richtigen Weg zu entwickeln. Das ist beeindruckend, aber genau an dieser Stelle werden uns Modelle irgendwann überholen, das ist was ich aussagen wollte. Sobald sie den Zustand eines individuellen Körpers präziser erfassen können als unser Auge oder unser Bauchgefühl, wird der Raum für reines Erfahrungswissen kleiner und das passiert gerade immer schneller.
Die Grenzen dieser wissenschaftlichen Steuerung liegen dann nicht mehr im Nichtwissen, sondern woanders: bei den chaotischen Elementen des menschlichen Körpers und der Umwelt, und bei der Frage, ob der Aufwand uns das noch wert ist – und nicht zuletzt bei der Überlegung, ob ein komplett durchoptimierter wissenschaftlich determinierter Sport überhaupt noch Spaß macht. Zum Glück lassen sich nur die naturwissenschaftlichen Komponenten optimieren, spätestens im Rennen, wird die Sportwelt dem Chaos gegenüberstehen und wird ganz andere Ergebnisse erzeugen als berechnet. Und das ist übrigens auch ein Grund warum ich Tempolichter und Hasen in Wettkämpfen nicht mag, weil diese versuchen das Rennen deterministisch zu gestalten. Sorry schon wieder ein Manifest...

