13.08.2024, 07:52
(10.08.2024, 17:56)muffman schrieb: Es ist kompliziert. Wo fängt ein politisches Statement an? Ist ein Plakat mit gekennzeichnetem Bibelvers schon der (unbewusste) Versuch einer Missionierung? Ungefragt bei jedem Interview den eigenen Glauben in die Welt zu tragen, oder zu thematisieren auch? ich weiß es nicht. Wenn jemand während der Spiele für Menschenrechte eintritt, ist es dann richtig diese Person zu disqualifizieren? Wenn das IOC unpolitischen Sport will, dann sollte es doch eigentlich auch religiöse Symbole oder Statements unterbinden, oder nicht? Eine Stelle aus einem Buch auf einem Plakat zu zitieren, in dem aus heutiger Sicht auch hochproblematische Stellen enthalten sind, ist, finde ich, nicht mehr zeitgemäß. Glauben kann ja jeder was er/sie will. Glaube hat, je nach Kontext, jedenfalls aber eine politische Dimension. Verurteilen möchte ich Ogunleye aber nicht dafür, es ist halt ihre tiefe Überzeugung. Ob es bei Olympia erlaubt sein sollte, ist dann irgendwie eine andere Frage. Ich persönlich finde nein.
Es kann wohl kaum der Verweis auf ein hoch problematisches Buch sein! Denn dieses Buch, das die europäische Kultur bis heute prägt, steht seit mindestens 300 Jahren unter dem Verdikt einer angemessenen Auslegung und dem Anspruch, dass sich Glaubensinhalte vernünftig ausweisen können sollten. Wenn ich in diesem Zusammenhang unsere Aufklärungs-prominentesten Bücher nach “hochproblematischen” Aussagen durchforsten würde, müsste ich jede Kantstraße, jede Marxallee, jede Max Weber Straße und viele mehr umbenennen.
Ich bin in Sachen Botschaft im Stadion völlig deiner Meinung. Aber die Sache mit der Missionierung ist für mich kein entscheidendes Kriterium. Denn mir selbst ist noch kein Christ begegnet, der sich als Missionar versteht. Ich nehme auch unsere Kugelstoßerin mit ihrem vehementen Zuspruch nicht als Missionarin wahr. Ich habe eher den Eindruck, dass die Missionare heute von ganz woanders her kommen - und dabei eher politisch ambitioniert sind. Ihre Tiefgläubigkeit darüber, dass alles und immer politisch ist - und wenn nicht, es werden müsste, ist dabei fast atemberaubend. Darüber hinaus nehme ich nahezu täglich die Missionare des heruntergezogenen Mundwinkels wahr. Es wäre gar nicht gut, wenn die Leichtathletikfreunde unter ihnen nicht jede Freude über eine gute Platzierung deutscher Leichtathleten mit dem Verweis auf das nicht enden wollende Jammertal überlagern würden.

Alle Beteiligten, die Zuschauer nicht weniger als die Aktiven, nehmen Teil an der Zelebration des Ungewissen ...
(Martin Seel)