Vor 9 Stunden
(Gestern, 21:54)mariusfast schrieb: Toleranz ggü. Intoleranz führt zu Zerstörung der Toleranz nach K. Popper. Es ist einfach naiv zu sagen es hat nichts mit Religion zu tun, wenn die Position der katholischen Kirche aktuell noch so ist (" Sünde"....in welchen Jahrhundert leben wir).
Man müsste zunächst einmal definieren, wie sich „Intoleranz“ konkret äußert.
Ist jemand automatisch intolerant, nur weil er eine bestimmte religiöse oder moralische Überzeugung vertritt? Oder ist nicht ebenso intolerant, wer jeden Christen aufgrund einer vermuteten Haltung zu Homosexualität pauschal in eine Schublade steckt? Zwischen einer Meinung, einer Kirchenlehre und dem tatsächlichen Umgang mit anderen Menschen besteht für mich ein erheblicher Unterschied.
Zum Verweis auf Popper: Das Toleranz-Paradoxon wird häufig stark verkürzt wiedergegeben. Popper argumentierte nicht, dass jede als intolerant empfundene Meinung unterdrückt werden müsse. Vielmehr sah er Gegenmaßnahmen erst dann als gerechtfertigt an, wenn Menschen den rationalen Diskurs ablehnen und stattdessen auf Einschüchterung oder Gewalt setzen. In seinem Verständnis sollte die Widerlegung durch Argumente immer Vorrang haben.
Außerdem gibt es durchaus gewichtige Kritik an Poppers Position. John Rawls vertrat beispielsweise die Auffassung, dass selbst intolerante Ansichten grundsätzlich toleriert werden sollten, solange sie keine konkrete Gefahr für die Freiheit und die Institutionen einer offenen Gesellschaft darstellen. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die tolerante Gesellschaft selbst intolerant wird.
Ein weiterer Einwand gegen das Toleranz-Paradoxon lautet: Wer entscheidet eigentlich, was „intolerant“ ist? In politischen und gesellschaftlichen Debatten wird dieser Begriff oft benutzt, um Andersdenkende zu delegitimieren. Wenn jede Seite die jeweils andere als intolerant bezeichnet, wird das Paradoxon schnell selbst zu einem Instrument der Ausgrenzung.
Unabhängig davon kann man die Position der katholischen Kirche zur Homosexualität selbstverständlich kritisieren. Aber zwischen der Kritik an einer Lehre, der persönlichen Haltung einzelner Gläubiger und der Frage, ob jemand tatsächlich intolerant handelt, sollte man meines Erachtens unterscheiden. Nicht jeder Katholik teilt jede Position seiner Kirche, und nicht jede religiöse Überzeugung führt automatisch zu intolerantem Verhalten.
Quellen:
Karl Poppers Toleranz-Paradoxon
Internet Encyclopedia of Philosophy: Toleration
Cambridge Rawls Lexicon: Toleration

).
