(08.07.2016, 12:52)icheinfachma schrieb: Das Problem ist aber, dass das Abitur die Hochschulreife darstellt. Wenn man es erfolgreich abgelegt hat, bedeutet das, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Lage sein sollte, zu studieren. Du kannst mir nicht erzählen, dass 40-50% der Bevölkerung in der Lage wären, zu studieren.
Wie viel % sind denn deiner Meinung in der Lage zu studieren, und wie hast du das ermittelt?
1960 studierten knapp 300000 Menschen in der BRD. Vermutlich gingen damals viele davon aus, dass sich kaum die doppelte Zahl als studierfähig erweisen würde. 1980 waren es über eine Million. Heute sind wir bei etwa 2,7 Millionen in ganz Deutschland. Wie viel % davon sind deiner Ansicht nach studierfähig? Aufgrund welcher Kriterien meinst du, das beurteilen zu können?
Versteh mich nicht falsch, ich halte diese Art der Akademisierung sicher nicht für optimal. Aber nur ständig „das Abitur ist heute zu leicht“ zu wiederholen, macht ein halbes Argument nicht besser.
Überhaupt: Zu leicht verglichen mit wann?
Das Abitur ist heute vermutlich (gesamtdeutsch) im Schnitt leichter als 1960 (BRD), aber im Schnitt schwerer als 1980 (BRD). Dass das Abitur in der DDR erheblich schwieriger gewesen wäre, wäre mir neu, darauf habe ich bis jetzt auch keinen ernsthaften Hinweis gefunden.
(08.07.2016, 12:52)icheinfachma schrieb: Das Abitur ist zu leicht und kann eben darum von zu vielen abgelegt werden.
Stütze diese These mal mit ernstzunehmenden Argumenten, die sich am besten direkt auf die Leistungsanforderungen des Abiturs beziehen. Z. b. ein Vergleich von Abituraufgaben aus den entsprechenden Jahrgängen. Du wirst in der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema übrigens keinen ernstzunehmenden Autor finden, der die Bildungsexpansion derart monokausal begründet. Sondern du wirst ähnliche Argumente finden, wie ich sie genannt habe, z. B. bei Herrlitz et al (2005): Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Eine Einführung. Weinheim u. München : Juventa, 185-196.
Und die entscheidenden Erleichterungen beim Abitur sind in den Reformen bis einschließlich 1972 passiert, insbesondere durch Erhöhung der Wahlmöglichkeiten, von denen ein Teil aber wieder zurückgenommen wurde. Das zum Westen Deutschlands.
Im Osten gab es andere Wege zum Abitur, nur gut 50% der Abiturienten erwarben dies 1986 direkt auf der erweiterten Oberschule. (Herrlitz et al 2005, 227) und man hat eben mehr gesteuert. Gesteuert wurde und wird aber nicht nur über Leistungsanforderungen.
Gesteuert wurde und wird wird auch über finanzielle Förderungen (z. B. Bafög) und, gerade für die aktuelle Entwicklung ganz wichtig, über die Propagierung von höherer Bildung als dem Weg zu Sicherheit und Wohlstand.
Natürlich ist das auch abhängig vom Arbeitsmarkt. Bei Vollbeschäftigung drängt es weniger in die Unis. Wenn eine Gesellschaft aber von Vollbeschäftigung weit entfernt ist, und die Arbeitslosenquote bei Akademikern deutlich niedriger als bei Nichtakademikern ist, hat das eine gesellschaftliche Wirkung.
(08.07.2016, 12:52)icheinfachma schrieb: Das kann nicht nur an besseren Zugangsvoraussetzungen auch für sozial benachteiligte Schüler liegen.
Wer hat das behauptet? Du bist der mit den monokausalen Erklärungsversuchen, nicht ich.
(08.07.2016, 12:52)icheinfachma schrieb: Und weil eben heute zu viele das Abitur ablegen können, weil es zu leicht ist, klagen viele Dozenten und Professoren an den Hochschulen darüber, dass aufgrund der Inflation des Abiturs auch immer schlechtere Studenten an die Hochschulen können und sie das fachliche Niveau immer weiter absenken müssen.
Klagen lässt sich leicht, schon in der Antike wurde über die Unzulänglichkeiten der Jugend geklagt. Aber möglicherweise hat das Klagen andere Ursachen. Möglicherweise ist das Abitur nicht zu leicht, sondern prüft nicht ausreichend die Kompetenzen, die sich viele Hochschuldozenten wünschen. Möglicherweise sind auch die Habitus der Studenten, die jetzt aus den unteren sozialen Lagen der Gesellschaft an die Universität kommen, zu weit vom klassischen bildungsbürgerlichen Habitus der meisten Dozenten entfernt.
Und natürlich solltest du nicht vernachlässigen, dass ein Teil der Student*innen das Studium nicht abschließen wird, und bei denen mit stärker begrenzten Fähigkeiten wird die Wahrscheinlichkeit für den Abbruch im Schnitt höher sein.
(08.07.2016, 12:52)icheinfachma schrieb: Übrigens ist die ganze Art, wie du deinen letzten Beitrag geschrieben hast, von Arroganz und Polemik geprägt. Ich bitte dich darum, das im Gespräch mit mir zu unterlassen.
Nein ich bin nicht arrogant. Man könnte eher dich als arrogant bezeichnen, wenn du meinst, deinen Kommilitonen die Studierfähigkeit absprechen zu können. Darauf habe ich - zugegeben etwas scharf - reagiert. Wäre ich arrogant im eigentlichen Sinne, würde ich diese Diskussion mit dir gar nicht führen, da offensichtlich ist, dass du dich mit diesem Thema noch nicht ausreichend vertraut gemacht hast. Aber da ich Bildung für ein Menschenrecht halte, werde ich dir nicht verweigern, deine Bildung durch diese Diskussion zu mehren. Und das bisschen Polemik hast du dir mit deinen Äußerungen redlich verdient, wenn du das nicht ertragen kannst, hast du zu wenig Nehmerqualitäten für jede Diskussion außerhalb einer Kuschelgruppe.
Gruß
C

