Ich möchte die Ausgangsfrage des Threads abschließend aus philosophischer Perspektive betrachten.
Zunächst: An der Frage selbst gibt es nicht das geringste auszusetzen. Das Phänomen darf als ungewöhnlich genug angesehen werden, um die Frage aufzuwerfen. Entscheidend ist, mit welchem Vorverständnis man an die Form christlicher Selbstbekundung herantritt.
Tritt man mit dem Vorverständnis derer heran, welche die Selbstbekundung auf eine vermeintliche Gefährlichkeit der Religion oder das Geflecht problematischer Aussagen in heiligen Büchern oder die Dumpfbackigkeit von religiösen Fanatikern beziehen, lässt sich die Frage nur negativ beantworten: Der Redner weicht als 'Rollenträger' vom Selbstverständnis einer aufgeklärten Gesellschaft ab und muss sich - zumal im Hinblick auf bestimmte, nicht rechtfertigbare Positionen (Homosexualität als Sünde etc) - daher auch verantworten. Selbst dann, wenn er nichts weiter tut, als sich für eine gelungene Handlung bei Jesus Christus zu bedanken.
Das ist freilich weder das einzig mögliche, noch ein als hinreichend zu erachtendes Vorverständnis. Man kann sich, wenn man auf die o.g. Verlautbarung verweist, nämlich auch auf die zentralen Gehalte christlicher (und ggf. nicht nur christlicher) Religiosität konzentrieren. Also auf den Schöpfungsgedanken (und somit die Auffassung, dass das menschl. Leben eine objektive Bedeutung hat), das heilsgeschichtliche Versprechen (dass der Tod ist nicht das letzte Wort ist) und die Ethik der Nächsten- und Feindesliebe beziehen. (Kann sein, dass die Liste nicht vollständig ist) In diesem Fall wird man den christl. Sportler nicht von vorneherein in einer Rechtfertigungsposition sehen. Es sei denn, man vertritt einen dogmatischen Atheismus. Ein Agnostiker, der zu dem Urteil neigt, dass die Frage nach Gott für sein pers. Leben absolut bedeutungslos ist, wird hingegen keinen vorbehaltlosen Richterstandpunkt einnehmen. Die einzige Position, die sich im Hinblick auf das Gesagte also von vorneherein rechtfertigen muss, ist dementsprechend diejenige, die einen solchen Richterstandpunkt vorbehaltlos für sich in Anspruch nimmt.
Damit komme ich zu einem weiteren Vorverständnis - derer, die die christliche Religion nicht bloß als eine Privatangelegenheit, sondern als eine kulturelle Formation ansehen. Was ich damit meine, mache ich am Beispiel eines prominenten Philosophen deutlich, der nie im Verdacht stand, als Glaubender aufzutreten. (Der akademische Duktus liegt in der Natur der Sache und lässt sich daher entschuldigen):
“Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur eine Vorläufergestalt oder ein Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus (alle Menschen sind gleich, Anm.), aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen einer postnationalen Konstellation zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede!” (Jürgen Habermas, 2001)
Der Autor konzentriert sich hier vorrangig auf den ethischen Gehalt, was im Hinblick auf die Ausgangsfrage des Threads natürlich zu selektiv ist. Entscheidend ist aber, dass er sich ebenfalls auf einen zentralen Gehalt der christlichen Offenbarungsreligion konzentriert und die Bedeutung trotz der prekären Aussagen der Bibel für für unser ‘Menschenbild’ hervorhebt. Das kann er tun, weil ein derart geprägtes Selbstverständnis in der Lage ist, die prekären Aussagen in der Bibel (als mit dem Vernunftstandpunkt unvereinbar) als nicht entscheidend anzusehen. Ein Umstand, der auch für fromme Christen gelten kann.
Damit komme ich zum letzten Punkt: dass die Rede vom Christentum immer schon über den Horizont einer Buchstabentreue hinausreichte, also immer schon offen für eine Vernunft-orientierte Auslegung gewesen ist. Selbst wenn man die letzte hier dargelegte Auffassung nicht teilt, so gehört sie in das Spektrum dessen, was notwendig ist, um sich ein Urteil erlauben zu können. Es sei denn, man macht es sich nicht ganz so schwer und fragt den Sportler ganz einfach ohne Richtergehabe, wie er seine Aussagen gemeint hat - gerechtfertigt durch die Ungewöhnlichkeit der christl. Selbstbekundung im Sport. Und was die ‘gesellschaftlichen Hintergründe’ betrifft, die von den Oberrichtern hier ins Spiel gebracht wurden, lässt sich sagen, dass ein objektivistischer und mit einer wissenschaftlichen Ursachenerklärung aufwartetender Standpunkt hinter der einfacheren, ‘hermeneutischen’ Erwägung Platz machen darf: dass der Sportler vielleicht eine symbolische Beziehung zwischen der Dramatik sportlichen Handelns und der Dramatik des Lebens herstellt…

Zunächst: An der Frage selbst gibt es nicht das geringste auszusetzen. Das Phänomen darf als ungewöhnlich genug angesehen werden, um die Frage aufzuwerfen. Entscheidend ist, mit welchem Vorverständnis man an die Form christlicher Selbstbekundung herantritt.
Tritt man mit dem Vorverständnis derer heran, welche die Selbstbekundung auf eine vermeintliche Gefährlichkeit der Religion oder das Geflecht problematischer Aussagen in heiligen Büchern oder die Dumpfbackigkeit von religiösen Fanatikern beziehen, lässt sich die Frage nur negativ beantworten: Der Redner weicht als 'Rollenträger' vom Selbstverständnis einer aufgeklärten Gesellschaft ab und muss sich - zumal im Hinblick auf bestimmte, nicht rechtfertigbare Positionen (Homosexualität als Sünde etc) - daher auch verantworten. Selbst dann, wenn er nichts weiter tut, als sich für eine gelungene Handlung bei Jesus Christus zu bedanken.
Das ist freilich weder das einzig mögliche, noch ein als hinreichend zu erachtendes Vorverständnis. Man kann sich, wenn man auf die o.g. Verlautbarung verweist, nämlich auch auf die zentralen Gehalte christlicher (und ggf. nicht nur christlicher) Religiosität konzentrieren. Also auf den Schöpfungsgedanken (und somit die Auffassung, dass das menschl. Leben eine objektive Bedeutung hat), das heilsgeschichtliche Versprechen (dass der Tod ist nicht das letzte Wort ist) und die Ethik der Nächsten- und Feindesliebe beziehen. (Kann sein, dass die Liste nicht vollständig ist) In diesem Fall wird man den christl. Sportler nicht von vorneherein in einer Rechtfertigungsposition sehen. Es sei denn, man vertritt einen dogmatischen Atheismus. Ein Agnostiker, der zu dem Urteil neigt, dass die Frage nach Gott für sein pers. Leben absolut bedeutungslos ist, wird hingegen keinen vorbehaltlosen Richterstandpunkt einnehmen. Die einzige Position, die sich im Hinblick auf das Gesagte also von vorneherein rechtfertigen muss, ist dementsprechend diejenige, die einen solchen Richterstandpunkt vorbehaltlos für sich in Anspruch nimmt.
Damit komme ich zu einem weiteren Vorverständnis - derer, die die christliche Religion nicht bloß als eine Privatangelegenheit, sondern als eine kulturelle Formation ansehen. Was ich damit meine, mache ich am Beispiel eines prominenten Philosophen deutlich, der nie im Verdacht stand, als Glaubender aufzutreten. (Der akademische Duktus liegt in der Natur der Sache und lässt sich daher entschuldigen):
“Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur eine Vorläufergestalt oder ein Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus (alle Menschen sind gleich, Anm.), aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen einer postnationalen Konstellation zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede!” (Jürgen Habermas, 2001)
Der Autor konzentriert sich hier vorrangig auf den ethischen Gehalt, was im Hinblick auf die Ausgangsfrage des Threads natürlich zu selektiv ist. Entscheidend ist aber, dass er sich ebenfalls auf einen zentralen Gehalt der christlichen Offenbarungsreligion konzentriert und die Bedeutung trotz der prekären Aussagen der Bibel für für unser ‘Menschenbild’ hervorhebt. Das kann er tun, weil ein derart geprägtes Selbstverständnis in der Lage ist, die prekären Aussagen in der Bibel (als mit dem Vernunftstandpunkt unvereinbar) als nicht entscheidend anzusehen. Ein Umstand, der auch für fromme Christen gelten kann.
Damit komme ich zum letzten Punkt: dass die Rede vom Christentum immer schon über den Horizont einer Buchstabentreue hinausreichte, also immer schon offen für eine Vernunft-orientierte Auslegung gewesen ist. Selbst wenn man die letzte hier dargelegte Auffassung nicht teilt, so gehört sie in das Spektrum dessen, was notwendig ist, um sich ein Urteil erlauben zu können. Es sei denn, man macht es sich nicht ganz so schwer und fragt den Sportler ganz einfach ohne Richtergehabe, wie er seine Aussagen gemeint hat - gerechtfertigt durch die Ungewöhnlichkeit der christl. Selbstbekundung im Sport. Und was die ‘gesellschaftlichen Hintergründe’ betrifft, die von den Oberrichtern hier ins Spiel gebracht wurden, lässt sich sagen, dass ein objektivistischer und mit einer wissenschaftlichen Ursachenerklärung aufwartetender Standpunkt hinter der einfacheren, ‘hermeneutischen’ Erwägung Platz machen darf: dass der Sportler vielleicht eine symbolische Beziehung zwischen der Dramatik sportlichen Handelns und der Dramatik des Lebens herstellt…

"Nicht jeder Forscher forscht unentwegt, wie es der Forschende eigentlich tun müsste."

