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Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Druckversion

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Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Gertrud - 16.04.2016

Ich nehme mal Gebiete heraus:

1. Speed-Endurance-Bereich: Aufgrund einer australischen Studie hat ein absoluter Weltklassetrainer im 400m-Bereich mit seinem damaligen Schützling sein Programm im Energiebereich völlig umgestaltet. 

2. Sprintbereich: Nehmen wir Asafa Powell und Usain Bolt! Bei Asafa Powell kam bei Untersuchungen das enorme Muskelvolumen der Hüftflexoren zum Tragen. Bei Usain Bolt fällt die ausgeprägte, sehr spezielle Hüftdominanz entgegen den "Betonhüften" anderer Sprinter stark auf. Es würde mich nicht wundern, wenn man auch noch weiter distal liegende Strukturen mehr ins Rampenlicht setzt, die bei Usain Bolt noch sehr defizitär sind!!!

3. Krafttraining: Hier sehe ich die größten Entwicklungsmöglichkeiten, wenn man die morphologischen Spezifikationen einbezieht, die heute teilweise nicht mal annähernd "zugeschneidert" werden. Auf dem Gebiet "schlafen" die Trainingsformen munter an den Forschungsbereichen im Detail vorbei. 

4. Die Forschung erschließt immer mehr Details, die uns bei den Trainingsinterventionen stark unterstützen können, wenn wir sie denn beachten und einsetzen. Auf vielen Gebeten ist man feinhistologisch noch im Hintertreffen. So kennt man die Wirkungsweise im Detail z.B. bei Serienanzahl und -umfängen im Krafttraining nicht präzise in der Auswirkung auf die Zellen und somit auch auf die Strukturen.  Es gibt sogar immer wieder Strukturen hinsichtlich spezieller Muskulatur und Sehnen, die man am Menschen entdeckt, die bisher unerkannt waren (sogar 2016 noch!)

Gertrud


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Robb - 16.04.2016

Die offensichtliche Frage, die du im Beitrag eigentlich als erstes beantworten solltest: Große Leistungsreserven für wen?


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Gertrud - 16.04.2016

(16.04.2016, 09:01)Robb schrieb: Die offensichtliche Frage, die du im Beitrag eigentlich als erstes beantworten solltest: Große Leistungsreserven für wen?

Die Disziplinen, die mit den drei angesprochenen Bereichen zu tun haben, haben noch Entwicklungschancen: Speed-endurance-Disziplinen, Sprintstrecken und kraftbetonte LA-Disziplinen. Im Prinzip geht es darum, die Trainingsinhalte noch näher an den strukturellen Erfordernissen zu orientieren. Sicherlich liegt die Schwierigkeit dann auch noch in den individuellen Unterschieden.

Nehmen wir nur mal den Bedarfsfall eines Werfers! Wie ist der Ist-Zustand? Wie soll die Ausprägung sein? Wie muss man Defizite einordnen und speziell trainieren? Oft wird doch einfach ins Blaue hinein trainiert. Die spannende Frage ist sicherlich, wie man die Strukturen adäquat beansprucht. Dazu muss man erst einmal sehr detailliert die Strukturen und deren Anforderungen kennen und den Probanden auf Herz und Nieren testen. In der Hinsicht sehe ich mehr Schatten als Licht. Die Verletzungen sprechen Bände. Teilweise sind es Wissenslücken, aber auch eben fehlende, sehr spezielle Untersuchungen hinsichtlich der strukturellen Erfordernisse. Ich war doch einigermaßen erstaunt, das man auf einmal die Verwringung des Schultergürtes im Wurfbereich "entdeckt" hat (bei einer Fortbildung vorgestellt), die wir schon Jahre im Programm hatten. Zudem würde ich bei der Schulter im Vergleich zur unteren Verwringung (übrigens auch teilweise falsch trainiert!) nie von Verwringung sprechen. Die unterschiedliche Strukturdominanz im Training ist sehr weit verbreitet. Entscheidend ist, wie man die Sache auf den Punkt bringt. 

Ich nehme mal den Fall, dass mir noch einmal eine Person z. B. im Kugelstoßen ... in die Hände fällt, dann hätte ich ganz präzise Vorstellungen von dem Kreis, den ich beteiligen würde. Mich interessieren dann kein Bundestrainer oder andere Institutionen, sondern nur die adäquaten Leistungszubringer. Sollte der Bundestrainer stark sein, dann wären sicherlich Gespräche angebracht. Es geht hier um kurze Wege und nur um Optimierung. Die gesellschaftspolitischen Dinge interessieren mich einen feuchten Kehrricht. Ich habe hinsichtlich Kugelstoßen in den einzelnen Bereichen und individuell ganz klare Vorstellungen vor allem in struktureller Hinsicht und würde auch nur mit solchen Institutionen kooperieren, die meine Fragen entsprechend lösen und untersuchen können. 

Gertrud


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Robb - 16.04.2016

Wenn du schon beim Thema speed-endurance bist, trainieren deutsche 200m Läuferinnen falsch? Ich frage mich schon länger, warum Haase, Freese, L. Mayer, etc. über 100m besser sind, obwohl sie sich selbst als 200m Läuferinnen bezeichnen.
Die besten 200m Läuferinnen der Welt schaffen es, ihre 100m PB über 200m zu verdoppeln:

Dafne Schippers: 10.81 (21.62) 21.63
Allyson Felix: 10.89 (21.78) 21.69
Elaine Thompson: 10.84 (21.68) 21.66
Veronica Campell-Brown: 10.76 (21.52) 21.74
Candyce McGrone: 11.00 (22.00) 22.01
Dina Asher-Smith: 10.99 (21.98) 22.07

(Die Zeit in Klammern ist jeweils die 100m PB x2)

Bei Rebekka Haase sieht das so aus: 11.21 (22.42) 22.95
Sie verliert also mehr als eine halbe Sekunde auf die Idealzeit, warum?
Bei Freese sind es mehr als 0,4, bei Lisa Mayer fast 0,7s.


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Gertrud - 16.04.2016

Ich kann ohne Kenntnisse der Programme natürlich nichts sagen; aber das Training sollte sich schon am Energiesystem orientieren. Es scheinen offensichtlich Defizite im speed-endurance-Bereich oder vielleicht sogar auch zusätzlich noch im Kraftbereich hinsichtlich der Wiederholungszahl zu sein. Im Grunde müsste sich der Bundestrainer als Verantwortlicher die Frage stellen und die Defizite abzustellen helfen. Entscheidend sind bei den unterschiedlichen Trainingsstrecken die prozentuale Intensität, der Streckenumfang, die Pausengestaltung der einzelnen Werte und der Serienpausen. Wenn man in der Hinsicht Fehler macht, rutscht man schnell in einen anderen Energiebereich. Wenn man dann aufgrund dieses Fehlers an zwei aufeinander folgenden Tagen gleiche Energieinhalte trainiert, hat man den Salat. Dann kann es sein, dass der Athlet völlig platt ist. Hier liegt die Crux!!! Im Grunde sind auch das alles Wissensinhalte. 

Ich gebe mal ein anderes Beispiel aus dem Stabhochsprungbereich: Ich sah in einer großen Halle die Stabhochspringer immer zig Aufroller trainieren. Schon damals fand ich das an den Erfordernissen vorbeitrainiert. In der Disziplin braucht man das einmal und das ganz schnell. Folglich muss man sich die richtigen Wiederholungszahlen und Übungsausführungen überlegen. Die Bodybuilding-Muskulatur braucht der Stabhochspringer nicht!!! Man kann teilweise anhand der Muskulatur erkennen, in welchen Bereichen sich das Krafttraining abspielt. Lavillenie sieht anders aus.  Wink Da mache ich mir in einem bestimmten deutschen Bereich so meine Gedanken, da der Hypertrophiebereich überdimensional trainiert worden zu sein scheint.

Es ist auch ein Unterschied, ob man z. B. die 200m für den Mehrkampf oder die Spezialdisziplin trainiert. Beim Mehrkampf sprintet man die Strecke einmal, im Spezialbereich bei großen Veranstaltungen aber mehrere Male. Das Training kann und darf nicht identisch sein. Die Trainings- und Wettkampferfolge hängen also wesentlich mit der präzisen Fragestellung und Umsetzung zusammen.

Gertrud


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Sprunggott - 16.04.2016

(16.04.2016, 09:29)Robb schrieb: Die besten 200m Läuferinnen der Welt schaffen es, ihre 100m PB über 200m zu verdoppeln:

 Das ist aber sehr thoeretisch - und nur unter Laborbedingungen ( Wind - Grade, optimale Leistungsausprägung der einzelnen Strecken, Erfahrung, Bodenbelag) ..... und selbst dann nicht verlgeichbar, sondern höchstens spekulativ!


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Robb - 16.04.2016

So theoretisch ist es eben nicht, denn es stimmt annähernd bei den schnellsten sechs 200m Läuferinnen des letzten Jahres. Die Zahlen zeigen, dass es mehr als Theorie ist.


RE: Warum ich noch große Leistungsreserven sehe! - Gertrud - 17.04.2016

(16.04.2016, 21:25)Robb schrieb: So theoretisch ist es eben nicht, denn es stimmt annähernd bei den schnellsten sechs 200m Läuferinnen des letzten Jahres. Die Zahlen zeigen, dass es mehr als Theorie ist.

Die Zahlen sind Fakt und alle ausnahmslos bei großen Wettkämpfen erzielt worden und somit absolut vergleichbar. Unsere Sprinterinnen bekommen den "Kolbenfresser" auf der 200m-Strecke. während die anderen internationalen Stars den Schub nutzen. Das hat eindeutig etwas mit der Trainingsphilosophie zu tun. So selbstkritisch sollte man schon sein und nichts verniedlichen, wenn man den internationalen Anschluss bekommen will. Man muss in solchen Fällen den Finger in die Wunde legen; nur so kommt man weiter! Man sollte sämtliche Trainingsbreiche durchleuchten und Fehler schonungslos ausmerzen. Selbstkritik werte ich absolut als positiven Touch und nicht als verdammende Kritik.

Schauen Sie, ich habe schon vor Jahren schonungslos gemeinsam mit Hansjörg Holzamer die Fehler im deutschen Sprint benannt: Fehler im Energiesystem und somit auf bestimmten Streckenbereichen, Fehler bei den Drills und Bewegungsvorstellungen, Fehler im Krafttraining (teilweise noch heute) und Fehler in der Wettkampfplanung, Abstinenz von internationalen Vergleichen! Das haben wir nicht getan, um dem deutschen Sprint zu schaden, sondern um ihm auf die Sprünge zu helfen. Man hat auf einige Kritikpunkte hin reagiert, und somit befindet sich der deutsche Sprint etwas im Aufwind. Ebenso hat es sich bei meiner Verletzungskritik im Wurfbereich bestätigt, als R. Wollbrück in Kienbaum sagte, dass man umschwenken und so wenig verletzungsträchtig wie ich trainieren wolle. Ich hoffe inständig, dass man vor allem mal das Krafttraining im Sprint revolutionieren wird, weil dort einiges im argen liegt - meiner Meinung nach durch Wissenslücken!!!

Gertrud