(23.06.2023, 09:31)dominikk85 schrieb: @chirurg und Frau Schäfer:Danke für den wertschätzenden Kommentar...das ist allerdings in diesem Fall kein Hexenwerk, um bei dem Vergleich mit dem Scheiterhaufen zu bleiben
Das haben sie auf jeden Fall gut erkannt. Die frage ist was man konkret bei sosna unternehmen können nachdem man das erkannt hat? Wäre so etwas durch gezieltes Training, physio etc auszugleichen? Oder braucht es eine chirurgische Korrektur? Oder Anpassung der Technik?
Bei muskulären dysbalancen kann man sicher mit training viel machen, aber geht das auch bei gelenkfehlstellungen?
Ich fand es damals auch ein wenig zweifelhaft das er letztes Jahr trotz Verletzung weitergweitergeworfen hat, aber bei so Dingen wie gelenkfehlstellungen finde ich es immer schwierig die richtigen Handlungsoptionen zu erkennen.
...ich hatte damals geschrieben, dass beim Heranwachsenden sehr einfach sog. Eight-Plates zur Wachstumslenkung operativ eingebracht werden können. Das dauert 30min pro Seite, sofortige axiale Vollbelastung erlaubt - nach postoperativ 2 Wochen Pause mit z.B. nur Fahrrad-Ergometer mit geringem Widerstand ist dann wieder spezifisches Leichtathletik-Training möglich...nach Korrektur der X- oder O-Deformität über 1-2 Jahre je nach noch vorhandenem Wachstumspotential werden die Plättchen in 20min pro Seite wieder entfernt, danach gleiches Procedere mit 2 Wochen Pause und fertig. Als Erwachsener besteht dann kein statisches Beinachsenproblem und es treten keine Folgeschäden ein wie eine Gonarthrose, aber auch die Muskeln/Sehnen/Bänder werden während der Leistungssportler-Karriere weniger belastet. Eine Gonarthrose bekommt Sosna sicher - mit dem Gewicht noch früher. Im normalen Gangzyklus bis hin zum Stolpern wirken auf ein normales Kniegelenk das 4-12 fache des Körpergewichts an Kraft-Belastung durch die Muskelzüge - es gibt sehr interessante Untersuchungen mit Druckaufnehmern in Prothesensystemen einer Berliner Forschergruppe, die selber überrascht waren, als der Proband über ein Kabel stolperte und dabei das 12-fache des Körpergewichts angezeigt wurde. Mich würde eine Knie-Totalendoprothese mit Anfang 40 klinisch bei Sosna überhaupt nicht wundern. Deswegen ärgere ich mich auch so über diese X- (Karges, Sosna) und O-Beine (Gräber). Jetzt im Erwachsenenalter kann man das nur aufwendiger operativ durch Osteotomien korrigieren. Der normale Berufstätige muss 6-12 Wochen an Unterarm-Gehstützen gehen - beim Leistungssportler ist mind. 6 Monate (je nach Disziplin und Verlauf der knöchernen Konsolidierung auch länger bis 12 Monate) pro Seite kein Sportart-spezifisches Training mit axialen Stoßbelastungen möglich. Damit ist die Karriere der jungen Athleten vorbei, bevor sie richtig begonnen hat - wird man also nicht machen (lassen/wollen), wenn schon die erste Medaille von der U18 WM zu Hause glänzt. Man kann jetzt nur durch sehr subtiles Training und physiotherapeutische Betreuung (Trainer/Physio halte ich für inhaltlich wichtiger wie meine Spezies den Orthopäden) versuchen, die muskulären Dysbalancen und resultierenden Sehnen-/Bandpathologien in Grenzen zu halten. Das sind aber dauerhaft "Patienten" über ihre gesamte Karriere. Absolut korrekt @dominikk85: eine knöchern pathologische Bein-/Gelenkachse ist durch konservative Therapie nicht zu verändern, Muskel-/Sehnendysbalancen können aber sekundär zu Gelenkfehlstellungen führen.Und nicht falsch verstehen: bis zu einem gewissen Alter in der Entwicklung eines Kindes/Heranwachsenden sind, wie Frau Schäfer schon geschrieben hat, O- und X-Beine physiologisch, also völlig normal - aber eben nur bis zu einem gewissen Grade und abhängig vom Knochenalter/den Wachstumsfugen. Wenn ein Jugendlicher von seinen Interessen in Richtung professioneller Konzertpianist geht, ist das auch etwas weniger gravierend wie ein Leistungssportler. Man korrigiert auch operativ keine kleinen geringgradigen Abweichungen der Beinachse. Bei jeder Operation in jedem medizinischen Fachgebiet ist die korrekte Indikationsstellung das Entscheidende: das heißt Röntgenaufnahmen Ganzbein im Stehen zur Berechnung der Achsabweichung und Berechnung des noch zu erwartenden Längenwachstum/Korrekturpotentials durch die einzelnen Wachstumsfugen - die Fugen am Kniegelenk sind hierbei relevanter wie die an der Hüfte und Sprunggelenk. Und nein, ich will keine Eight-Plates vermarkten, wie es mir schon mal jemand im Forum vorgeworfen hat - ich bin operativ bei ganz anderen Patienten tätig. Für Kinderorthopäden ist das ein Routine-Problem/Eingriff...aber ich befürchte leider, dass viele Sportmediziner/-Orthopäden das Problem unterschätzen, anstatt eine kinderorthopädische Beurteilung als Zweitmeinung einzuholen. Und dann bleibt der Trainer, der täglich mit diesen Jugendlichen arbeitet oder der Physio, sensibilisiert für dieses Thema, um diese Pathologie herauszufischen und in die richtigen Bahnen zu lenken und einen Beinachsen-gesunden Sportler in die Erwachsenen-Karriere zu bringen.
Und um das nächste Thema aufzumachen: ich bin mir nicht sicher, ob diese vermehrte Innenrotation z.B. beim Absprung beim Weitsprung (die Frau Schäfer bereits häufig angesprochen hat) nicht von einer vermehrten Antetorsion +/- zu steilem Schenkelhals am proximalen Femur kommt - das kann man nur durch eine klinische Untersuchung plus Röntgenbild beurteilen. Das ist allerdings leider grundsätzlich (auch beim Heranwachsenden) nicht so einfach zu beheben und sozusagen als normale "Reaktion" des Hüftgelenkes zu werten, um den vermehrt nach vorne gedrehten Kopf ganz in die Pfanne einzustellen...aber wie gesagt anderes Thema. Wenn eine vermehrte Sensibilität zu dem Thema X- und O-Bein entsteht, wäre schon viel gewonnen. Und falls sich jetzt jemand fragt, wieso so viele Fußballer O-Beine haben - hier geht man in der Tat davon aus, dass möglicherweise in einer vulnerablen Phase des Skelettwachstums durch intensives Training unterschiedliche Kräfte auf die Wachstumsfugen einwirken und es durch den Fußball-Sport zu diesen Beinachsenveränderungen kommt - was auch Vorteile beim Schießen des Balles haben kann. Auch am Hüftgelenk kippt bei etwa 30% der jugendlichen Fußballer der Hüftkopf etwas ab, das nennt man dann später in der Folge das sog. CAM-Impingement. Das ist also eine Nutzen-/Risiko-/Einkommens-Abwägung - Littbarski hat selbstverständlich früher eine Knie-TEP erhalten, Ribéry benötigt auch eine und auch Kahn hat schon länger Hüft-TEPs.
Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn sich eine Fortbildung/Vortrag von meinem Oberarzt-Kollegen zu dem Thema X- und O-Beine auf einer DLV-Tagung organisieren läßt. Mein Kollege ist neben seiner Tätigkeit an der Uniklinik mit mir, zu 50% in einer spezialisierten Praxis für Extremitäten-Korrekturen tätig (z.B. Verlängerungen nach schweren Frakturverläufen, Tumorkindern) - der einzigen Spezialpraxis dieser Art in Deutschland. Er hat eine große Expertise zu dem Thema Beinachsen und war auch in der Kinderorthopädie an den Unikliniken in Basel und Melbourne tätig. Eight-Plates sind Routine für Kinderorthopäden und ein Segen, wenn die Indikation dafür gegeben ist.

