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Brian Oldfield gestorben - Diskusmann - 27.03.2017 Kugelstoßlegende Brian Oldfield ist gestern, am 26. März 2017, verstorben. Der zuletzt an einen Rollstuhl gefesselte Oldfield erzielte 1975 mit 22,86m einen Weltrekord. Dieser konnte damals jedoch nicht offiziell anerkannt werden, da Oldfield als Profi in der ITA startete. Nach der Reamateurisierung stieß er 1984 mit 22,17m offiziellen US-Rekord. RE: Brian Oldfield gestorben - MZPTLK - 27.03.2017 R.I.P., Brian! Er war ein imposanter, bunter Kerl. Aber: mit 71 stirbt man nicht, sondern geniesst das Leben, schaut mit Zufriedenheit zurück und erzählt den Jungen, wie man es machen soll/kann und wie nicht. RE: Brian Oldfield gestorben - eierluke - 28.03.2017 Für einen der sich derart exzessiv mit Dopingsubstanzen vollgepumpt hat finde ich 71 Jahre ein ordentliches Alter. Schade ein Typ, der es sich sehr schwer gemacht hat, überall aneckte und außer Kugelstoßen in seinem Leben offenbar nichts auf die Kette bekommen hat, was ihn hätte glücklich machen können (geschweige denn von wohlhabend). In seiner primetime ein unfassbarer Athlet, der außerdem die 100 m (leider habe ich die Quelle nicht greifbar) in 10,5 s lief. (Werner Günthör lief angeblich sogar 10,4 s) RE: Brian Oldfield gestorben - Gertrud - 28.03.2017 (28.03.2017, 10:08)eierluke schrieb: Für einen der sich derart exzessiv mit Dopingsubstanzen vollgepumpt hat finde ich 71 Jahre ein ordentliches Alter. Ja, dieses Versagen neben dem Sport macht mich sehr betroffen. Erwachsene können aber ihr Leben eben selbst entscheiden und sind teilweise auch beratungsresistent. Ich erinnere mich auch an einen ehemaligen Weltklasseathleten, der teilweise "besoffen" in Sportanlagen gelegen hat. Manche träumen immer noch von ihren Medaillen. Keiner hat ihm zu Aktivenzeiten den Spiegel vorgehalten. Diese Versuchung gab es für unsere Generation nicht. Deshalb finde ich es so schade, wenn einige ihre Karriere so berufsschädigend ausweiten. Gut, einige geben sich später mit sehr wenig zufrieden. Es kommt immer auf die Sicht der Dinge an. Schließlich ist jeder seines Glückes Schmied. Was ist Glück??? Das ist individuell sehr unterschiedlich. Ich halte es immer für sehr wichtig, dass man die Schnelllebigkeit wahrnimmt und man autark bleibt. Im Laufe des Lebens kommen einem sehr unterschiedliche Gedanken auch dazu, das vieles sehr schnell vergeht. Beispiel: In der Zeit meines Keuchhustens bin ich einmal im Badezimmer bewusstlos geworden (weil ich mich morgens zu schnell gedreht habe) und auf das Waschbecken - wie gefällt - gefallen. Wäre ich nach hinten auf den Toilettenrand gefallen, wär´s das gewesen. Zum ersten Mal ist mir die Vergänglichkeit drastisch vor Augen geführt worden. Aufgrund dieser Erfahrung trenne ich mich heute viel schneller als früher von belastenden Sachen und Menschen. Ich fühle mich auf eine eigenartige Form innerlich sehr frei und unbeschwert. Als junger Mensch sieht man die Zielgerade des Lebens nicht. Man meint, dass das Sportlerleben nie endet. Es ist einfach ein Intermezzo, das schön gestaltet werden sollte, aber auch mit einigen nachdenklichen Momenten. Uns sind zum Beispiel unsere ehemalgen Nationalmannschaftskameradinnen geblieben. Wir rufen uns sehr oft an. Man muss aber neben lieben Menschen auch andere Beschäftigungen aufbauen, die einem nach dem Sport Sinn geben. Gertrud RE: Brian Oldfield gestorben - eierluke - 28.03.2017 Es ist wirklich schade, dass man ein Gut (Zeit) erst zu schätzen weiß, wenn es ganz offensichtlich knapper wird. Kann dich gut verstehen und objektiven Trost gibts leider nicht. Immerhin aber bleibt es jedem überlassen aus den knappen Ressourcen mehr zu machen (eben bewußter leben) sich zu überlegen, was man wem (eigene Kindern, Menschheit, oder wer es einem auch immer Wert zu sein erscheint) weitergeben will - und das dann auch zu tut. RE: Brian Oldfield gestorben - MZPTLK - 28.03.2017 Brian wollte den Traum eines Sportlers möglichst lange am Leben vorbei leben. Er ging für dieses Ziel zuweit. Würde er es in der heutigen Zeit genauso machen? Ich glaube nicht. RE: Brian Oldfield gestorben - lor-olli - 28.03.2017 Weil wir gerade beim Thema Doping waren… ![]() Man sollte diese Dinge auch immer vor dem geschichtlich/gesellschaftlichen Hintergrund sehen! Ich habe ebenfalls zu Zeiten des allgegenwärtigen Dopings Leistungssport getrieben und dem Doping bewusst widerstanden. Zum einen war ich sicher auch mit Doping nicht bis in die Spitze vorzudringen (mein Pech, dass ich Zehnkampf zu Zeiten eines Hingsen und Co gemacht habe ![]() Aber selbst Mediziner verharmlosten die Nebenwirkungen des Dopings (darunter wirkliche Koryphäen) oder förderten es sogar, zudem war die Wahrscheinlichkeit ernster Konsequenzen (sportlich/ juristisch) eher sehr gering. Die Mentalität das Leistung alles ist und Doping keine Unsportlichkeit, war extrem verbreitet und die Leistungen "des Ostens" galten immer als Ziel (auch in GB!). Ein ehemaliger Trainer von Oldfield (so ihm überhaupt jemand etwas sagen durfte) sprach in seinem Fall einmal von "Brian's Law" - einzige Regel: SEIN Erfolg zählte, dafür war er bereit ALLES zu tun, inklusive solcher Unsportlichkeiten wie die Konkurrenten im Wettkampf zu nerven oder durch Kleidung und Auftreten "eine Show" abzuziehen - Sprüche dazu gratis. Auf der anderen Seite solte hier niemand seine Hände in Unschuld waschen, denn ER hat das Kugelstoßen in der LA zu seinen Zeiten ungewöhnlich populär gemacht - seinetwegen verlegten die Organisatoren schon mal ein Kugelstoßen in die Mitte des Platzes im Stadion - einem FOOTBALL-FiELD! Heute wird jedem Fußballfunktionär (in D) schlecht, wenn ein Leichtathleten sich mit einem Speer dem Stadion nur nähert… ![]() Letztlich sind die Zuschauer auch Oldfield's wegen ins Stadion gekommen, weil er eben "eine Show" bot - ist heute mit Usain Bolt nicht anders, kann man leicht an der Zeit festmachen die die Kameras auf den Kaspereien von Bolt bleiben (zugegeben wesentlich netter als die von Oldfield…). Die Zeiten in denen die größten Leichtathleten einfach "nur Sportler" sind scheint vorbei, heute sind sie eben auch (Pop-)Stars und es wird goutiert wenn sie mitspielen. Auch Jürgen Hingsen verstand das Spiel mit den Medien sehr gut - es war nicht nur seine Leistung die ihn von seinen Konkurrenten abhob! - You get what you pay for - RE: Brian Oldfield gestorben - Diskusmann - 28.03.2017 Es ist interessant, was so alles geglaubt wird und vor allem geglaubt wird, zu wissen... Vieles kann man so einfach nicht stehen lassen, obwohl im Kern sogar Wahres an manchen Aussagen ist. "The shot put was my religion, my faith, but it was also a demanding bitch; practice, practice, practice, throw, throw, throw, lift, lift, lift, run, run, run. I tortured myself for the love of the throw." Er rauchte, er trank, er dopte und ließ auch kein amouröses Abenteuer aus. Er konnte Geschichten erzählen und sich im Training quälen, wie nur wenige es können. Und er war glücklich damit. Wer sind wir, zu glauben, dass einen Menschen nur Geldverdienen glücklich machen kann?! Beruf, Familie, Häuschen im Grünen... War das für ihn wichtig? Nicht so wichtig, wie weit zu stoßen und zu werfen und Spaß dabei zu haben. Das hat er - vor allem am Anfang seiner Karriere - gern auch auf Kosten seiner Konkurrenten gehabt, trotzdem respektieren ihn seine Konkurrenten noch heute und seine Fans lieben ihn - und von denen hatte und hat er eine Menge! War das und sein immenser Anabolikakonsum "richtig"? Für ihn ja, wohlwissend, dass auch keiner seiner Konkurrenten "sauber" war; auch wenn ihn die Wirklichkeit später einholte und er in recht ärmlichen Verhältnissen und auf die Hilfe von Freunden angewiesen in der Nähe von Chicago lebte, angewiesen auf Krücke und Rollstuhl. In seinen späteren Jahren war er übrigens auch Mitkonkurrenten gegenüber hilfreich und pushte sie im Wettkampf. Oldfield liebte die Show und hatte einen unglaublichen Humor, er konnte sarkastisch sein und war um einen Spruch selten verlegen. Nach seinem offiziellen US-Rekord 1984 sagte er z.B. im anschließenden Interview: "I had a throwgasm!" Oldfield war ein Kind seines Systems, er bediente die Medien und war auch außerhalb des Kugelstoßringes ein Superstar. Und das nicht, weil er ein A...loch war, sondern weil er ein Typ war, der sich nicht verbiegen ließ. Einerseits konnte er schnell handgreiflich werden - der Schweizer Hochspringer Roland Dalhäuser kann davon ein Lied singen... - andererseits reflektierte er über sich, seine Umgebung und Gott und die Welt. Zuletzt konnte er nur noch mit Hochstelltaste im Einfingersystem schreiben, was er sehr gerne tat und für jeden einen guten Ratschlag hatte, der ihn fragte. Er jammerte aber nicht, sondern beschrieb seine Situation so, wie sie war. Seit einiger Zeit hörte man nichts mehr von ihm und man musste das Schlimmste befürchten - und das trat letzten Sonntag ein. RE: Brian Oldfield gestorben - Gertrud - 28.03.2017 (28.03.2017, 16:40)Diskusmann schrieb: Es ist interessant, was so alles geglaubt wird und vor allem geglaubt wird, zu wissen... Nur das persönliche Glück zählt und auch der Respekt vor anderen Menschen. Für mich persönlich wäre ein Leben im Alkoholsumpf und im Qualm von zig Zigaretten eine Qual. Wenn andere wirklich damit glücklich sind, ... Jutta Heine sagte letztens zu mir: "Warum bildest du dich so viel in der Medizin fort? Mach doch etwas anderes! Ich könnte und möchte das nicht für mich." Sie fragt mich aber immer, wenn sie körperliche Probleme hat. Eine andere löchert mich ebenfalls unentwegt. Ich bin glücklich dabei ... nur das ist für mich entscheidend. Wenn Athleten das nicht akribisch umsetzen wollen, verliere ich enorm schnell das Interesse. Ich bin noch heute sehr fokussiert. Ich habe gerade noch mit meiner Nachbarin am Zaun gefachsimpelt. Schade ist nur, dass wir den Stein der Unsterblichkeit nicht finden können! Oder ist es sogar ein Glück? Ich würde so gerne noch viele Dinge bei relativ guter Gesundheit in die Tat umsetzen. ![]() Gertrud RE: Brian Oldfield gestorben - lor-olli - 28.03.2017 @Diskusmann, ich kannte wie vermutlich fast alle hier, Oldfield nicht persönlich, darf also nur das beurteilen was er entweder selbst von sich gab, oder was in Zeiten der ersten Fernsehaufzeichungen auch heute noch im Netz zu finden ist… ich sehe allerdings die von Dir angeführten Widersprüche gar nicht!? Das er als Mensch "eine Seele" sein konnte bestätigen ihm viele seiner Bekannten und Freunde - die die nicht zu seinen Freunden gehörten sehen das sicher anders, denn er war eine durchaus polarisierende Persönlichkeit und dies nicht zufällig. Das er ein Sportsmensch war, zeigte er auch weil er kaum einem Verlgeich aus dem Wege ging, beinahe egal in welcher Diziplin. Wer ihn gegen Ende seiner Karriere gehen sah, konnte aber auch erkennen, dass sein Körper reichlich mitgenommen war - und das lag sicher nicht allein am Sport, der Rollstuhl war dann letzlich recht lange sein Forbewegungsmittel. Was alles dazu beigetragen hat kann vermutlich niemand mit Absolutheit sagen, aber das er weder Anhänger einer asketischen Lebensweise war, noch ein Kind von Traurigkeit und auch nie ernsthaft widersprochen hat wenn man ihm Doping vorwarf - lässt sich fast alles nachlesen oder "nachsehen". Er ist einer der ersten Sportler der die Macht der Medien auch gezielt nutzte und es existieren auf Youtube zahlreiche Videos von ihm - einem Medium was erst deutlich nach seiner Zeit kam! Ich denke, wie man ihn "sieht" ist auch letztlich durch die eigene Einstellung zum Sport geprägt - insofern respektiere ich seine erbrachten Leistungen (wiewohl sie wie bei den meisten Athleten der Zeit nicht sauber erbracht waren) und schaue über den Rest hinweg, sehe diese Persönlichkeiten mit dem übergroßen Ego allerdings auch nicht unkritisch (bei ihm passte es wenigstengs zur Figur ![]() Was bleibt ist ein talentierter Kugelstoßer (aber nicht nur) mit einem durchaus eigenen Weg. Damals war der "offizielle Sport" noch sehr, sehr konservativ und für einen Brian Oldfield hätte es heute sicher viel problemloser (nicht problemfrei!) die Aufmerksamkeit zu finden die er auch suchte - mit dem Sport, aber auch abseits davon. Solche Typen braucht der Sport einerseits, sie garantieren Aufmerksamkeit über den Tellerrand der LA hinweg, aber er leidet auch häufig daran, denn "stromlinienförmig geht anders". |