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Aerobes und anaerobes Training für 800 m - Druckversion

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RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - RunSim - 01.07.2026

Ein sehr spannender und für mich hochinformativer Thead, wie ich finde  Danke

Da ja viele erfahrene/kluge Leute hier zugegen sind: 

Wie würdet ihr Schnelligkeitsinhalte ins 800m Training einbauen? 
Und ab welchem Alter? Auch noch in "gehobenem" Alter, also 40 Jahre und aufwärts? 
Und wieviel Platz sollte eurer Meinung nach Schnelligkeitstraining in einer exemplarischen Woche haben, z.B. beim allgemeinen Aufbau im Herbst/Winter? 
Würdet ihr komplette Trainingseinheiten damit füllen oder eher z.B. einen 30 Minuten-Block zwischen Aufwärmen und einem (etwas verkürzten bzw nicht zu intensiven) Hauptprogramm legen? 

Allgemein auch die Frage, wie eure Priorisierung beim 800m-Training ist? 
Man kann/sollte ja nicht einfach nach dem "mehr ist besser" Prinzip gehen, sondern die Trainingsinhalte entsprechend der benötigten Fähigkeiten für die Zieldisziplin priorisieren. 

Aerobes Training
Anaerobes Training 
Koordination
Kraft (darüber würde ich gerne im weiteren Verlauf nochmal diskutieren)
Schnelligkeit
Core/Stabi
und weitere Inhalte?


(Wie schon von einigen von euch angesprochen, es wird auch hier sicherlich individuelle Unterschiede bei den SuS geben, wieviel Schnelligkeitstraining notwendig/sinnvoll ist.)


RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - Reichtathletik - 01.07.2026

(01.07.2026, 09:14)Notalp schrieb: Am Anfang ging es hier um aerobes und anaerobes Training im kurzen Mittelstreckenbereich. Und zwar im Hinblick auf ein rel. neues sportwiss. “Paradigma”: den Blick aufs Mitochondrium. Ein Missverständnis wurde aufgelöst, eine sinnvolle Abfolge im Training präsentiert (die weitgehend das bestätigte, was man im Saisonaufbau immer schon praktizierte), gefolgt vom Plädoyer für Individualisierung des Trainings - um dann dort zu landen, wo man bei 800m in diesem Forum immer landet, nämlich bei der Influencerprominenz: diesmal konzentriert auf das ethisch-prekäre Leerräumen des Apothekenregals - denn das Training ist die Hölle und das Bicarbonat das Elixier der Milchsäure-Überfluteten. 

Deshalb noch ein Wort zum Lifestyle: Im Influencer-Gewerbe geht es nie um etwas anderes! Um jetzt einmal nen ungebührlichen Überschuss von Ironie ins Spiel zu bringen: Wenn einem Follower-freundlichen Nachwuchs klar wird, wo das wahre Faszinosum der 800m und die Schönheit vernunftorientierten Handelns wohnt, hat die Leichtathletik mit der Ansammlung solcher Banalitäten sicher einen gewaltigen Zugewinn erzielt!

Die Frage ist doch ob ich quantitativen oder qualitativen Zuwachs – oder beides gewinne. Zur Verteidigung des Diskussionsstrang muss man sagen, dass der Thread losgelöst wurde. Das Gespräch über aerobes und anaerobes Training kam also quasi auch bereits aus der Influencer-Ecke hier  Wink

Die Frage die ich mir eher stelle ist, warum schaffen es DLV-(Akademie), DLV-Leistungssport, Landesverbände, Trainer, etc. nicht sinnvoll zu influencen. Es gibt ja durchaus eine Szene des Science Slam (darunter auch Sportwissenschaftler wie Oliver Quittmann). Und es gibt eine Vielzahl an Jugendsportlern die sich massiv für Training interessieren – weit mehr als das früher der Fall war. Oft stoßen sie aber auf ungefilterte teils blödsinnige Dinge im Netz. Vielleicht sollten unsere Spitzentrainer und die Verbände, ggf auch Athleten/Vereine viel mehr Zeit darin investieren, gutes Training nahbar zu erklären und zu vermitteln. Immer wieder beklagen sich ja Spitzentrainer, dass der Nachwuchs nicht gut genug ausgebildet ist. Vielleicht wäre es Zeit, dann man mehr zu kommunizieren, statt noch immer das eigene Tun als Geheimwissen zu bewahren und sich dann zu wundern, dass es keiner vorbereitet in der Jugend. 

Und damit kämen wir dann auch zurück zu alica und 400/800. Das ist eine unfassbar spannende Story und ein spannendes, Ergebnisoffenes Projekt. Das wäre eine großartige Chance gewesen, von anfang an mit trainingswissenschaftlicher Begleitung in eine immense Reichweite begleitet zu werden. Da wäre Aufmerksamkeit für Leichtathletik über das reine Fotos machen hinaus möglich gewesen, die Verbindung zu einer Fachdiskussion und die Chance zahlreiche ggf besser geeignete Kandidaten zu finden. Wie wir bereits haben anklingen lassen, gab es gar nciht so viele gute Umstieg-Versuche in Deutschland. In meinen Augen liegt es auch daran, dass wir nicht systematisch gute Kandidaten dafür sichten.


RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - Atanvarno - 01.07.2026

Hat Gonschinska eigentlich irgendwann mal was zum Training von Linda Kisabaka publiziert?


RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - Läufer 800m - 01.07.2026

Hi rumsim,
ich möchte auf deine Frage antworten, ob ich Ü40-Schnelligkeitstraining für die 800 m einbauen würde und wenn ja, wie.
Die Antwort ist ganz klar ja – einfach weil man den Geschwindigkeitsverlust durch das natürliche Altern bremsen kann und muss.
Im Alter, gerade ab 40, verändern sich spezifische Bereiche im Körper, die die Schnelligkeitsfähigkeit massiv beeinflussen. Das Training für Masters-Läufer muss genau dort ansetzen, wo die größten Hebel liegen, und gleichzeitig das oberste Gebot beachten: die maximale Vermeidung von Verletzungen. Das schwächste Glied ist dabei bei jedem Athleten anders, was das Schnelligkeitstraining im Masterbereich so anspruchsvoll macht.
Die biologischen Baustellen im Überblick:
  1. Der Verlust der "Fast-Twitch"-Fasern (Sarkopenie): Der Körper baut bevorzugt die schnellen, kraftvollen Muskelfasern ab.
  2. Verlangsamung des Nervensystems: Die Signalgeschwindigkeit vom Gehirn zum Muskel lässt nach, die maximale Feuerfrequenz sinkt.
  3. Verlust der elastischen Energie und veränderte Muskelarchitektur (Sehnen, Faszien & Muskeltonus): Das Gewebe verliert an Viskosität (Flüssigkeit) und Dehnungstoleranz. Die Sehnen büßen ihre Federkraft ein und der starrere Muskel neigt bei plötzlicher, maximaler Dehnung in der Flugphase extrem schnell zu Zerrungen (vor allem in Waden und Hamstrings).
  4. Verschlechterung der Energiebereitstellung: Die Enzymaktivität für die blitzschnelle ATP- und Kreatinphosphat-Spaltung nimmt ab.
  5. Hormonelle Veränderungen und verlangsamte Erholungsfähigkeit: Sinkende Testosteron- und Wachstumshormonspiegel verlängern die Regeneration; das System reagiert schneller mit dem Stresshormon Cortisol (kataboler Zustand).
Wie steuert man das nun im Training aus?
Bei den Punkten 1 und 2 sind hochintensive Reize zwingend erforderlich, da die schnellen Fasern und das Nervensystem auf nichts anderes reagieren. Auch für Punkt 3 (Sehnenstiffness) sind diese Reize notwendig, müssen hier aber wegen des Zerrungsrisikos extrem vorsichtig dosiert und progressiv aufgebaut werden.
Wichtig für die Praxis: "Hochintensiv" bedeutet hier ausschließlich reine, alaktazide Schnelligkeit (Sprints unter 8 Sekunden) mit ultralangen, vollständigen Pausen (1 Minute Pause pro 10 gelaufene Meter). Nur so steuern wir die Software und die Fasern an, ohne das Gewebe zu zerstören. Punkt 4 erfordert im Gegenzug weiterhin ein solides Fundament aus kontrolliertem Grundlagentraining. Bei Punkt 5 ist zu viel oder zu lange Intensität (wie die klassischen, zerstörerischen Laktat-Einheiten) im Alter absolut negativ.
Mein persönlicher Weg und Ratschlag aus der Praxis
Jetzt stellst du dir die berechtigte Frage: Wie genau sieht das konkret in der Praxis aus?
Ich bin selbst als Wiedereinsteiger in der Klasse M60 aktiv und meine wichtigste Erfahrung lautet: Man muss sich radikal viel Zeit lassen. Ich habe anfangs ein gutes halbes Jahr lang lediglich 2- bis 3-mal pro Woche Frequenzübungen aus dem Lauf-ABC als Zubringertraining genutzt. Ein echtes Sprintprogramm (wie z. B. 3 *20 m und 4 * 50 habe ich erst nach zwei Jahren systematischer Vorbereitung gewagt. 

Die eigene Trainingssteuerung zeigt mir ganz deutlich: Meine Muskulatur braucht nach so einer Einheit 3 bis 4 Tage, um wieder vollständig erholt zu sein, bevor ich den nächsten echten Schnelligkeitsreiz setzen kann. 

Mein persönlicher Fahrplan sieht daher folgendermaßen aus:
  • Der Tag vor dem Sprint: Hier laufe ich lediglich einen langsamen Dauerlauf von 45 Minuten, kombiniert mit Frequenzübungen aus dem Lauf-ABC. Das sorgt für das nötige "Neuromuscular Priming" – es aktiviert die Nervenbahnen und bringt den optimalen Muskeltonus für den Folgetag, ohne das System vorab zu ermüden.
  • In Phasen mit hohem Kilometerumfang: Wenn die Ausbildung der aeroben Basis im Vordergrund steht und die Beine schwerer sind, integriere ich das Lauf-ABC gezielt an den Tagen direkt nach den Regenerationstagen, um die Spritzigkeit nicht ganz zu verlieren. Allerdings jetzt wo meine Muskeln sich langsam angepasst haben verzichte ich lieber auf 10 km und konzentriere mich auch den Erhalt der Schnelligkeit

  • Die strategische Periodisierung: Ich versuche, Schnelligkeitsübungen das ganze Jahr über beizubehalten. Aber insbesondere nach der harten GA2-Phase schiebe ich einen speziellen Block ein: Ich reduziere meinen Kilometerumfang für 2 bis 3 Wochen drastisch. Dauerläufe sind in dieser Zeit nur kurz und sehr leicht. Dadurch nehme ich den energetischen Druck komplett raus und das System gewinnt die nötige Frische, um sich voll und ganz auf die Entwicklung der reinen Schnelligkeit fokussieren zu können. Hier schaffe ich dann 1- 2 Trainingseinheiten mit der Entwicklung der maximalen Schnelligkeit in der Woche
  • hinsichtlich Krafttrainings zur Schnelligkeitsentwicklung kann ich leider keine Ratschläge erteilen, das ist eine meiner großen Wissenslücken
  • Und hinsichtlich der neuronalen Training habe ich mich bisher auf die Inhalte des Lauf ABC verlassen



RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - -running- - 01.07.2026

(01.07.2026, 11:19)RunSim schrieb: Wie würdet ihr Schnelligkeitsinhalte ins 800m Training einbauen? 
Und ab welchem Alter? Auch noch in "gehobenem" Alter, also 40 Jahre und aufwärts? 
Und wieviel Platz sollte eurer Meinung nach Schnelligkeitstraining in einer exemplarischen Woche haben, z.B. beim allgemeinen Aufbau im Herbst/Winter? 
Würdet ihr komplette Trainingseinheiten damit füllen oder eher z.B. einen 30 Minuten-Block zwischen Aufwärmen und einem (etwas verkürzten bzw nicht zu intensiven) Hauptprogramm legen? 

Ab welchem Alter: so jung wie möglich. Schnelligkeitstraining ist auch in der Kinderleichtathletik wichtig. Die Frage ist eher, in welcher Form ich das Training dann durchführe. Die Spezialisierung auf die 800 m sollte eher später stattfinden.
Schnelligkeit würde ich das ganze Jahr über trainieren. Im Winter vom (Zeit-)Umfang her weniger als im Sommer, aber grundsätzlich immer. Wenn ich „genügend“ Trainingseinheiten habe, dann gerne als eigenständige Einheit. Das funktioniert aber halt erst ab einer genügend großen Anzahl an Einheiten.
Und ich würde es auch im Alter noch machen – aber vorsichtig! Der Körper baut da eher ab, aus diesem Grund sind die Reize dort sehr sinnvoll. Auf der anderen Seite wird die Anfälligkeit für Verletzungen eventuell größer. Für mich ist es wichtiger, keine Verletzungen zu provozieren, als das letzte Prozent herauszukitzeln. Im Zweifel bei einer Einheit eher kürzertreten!


RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - Notalp - 01.07.2026

@RunSim

Ich würde im "gehobenen Alter" zunächst alles tun, um die Sprungkraft zu erhalten, und zwar im Hinblick auf die Dynamik des Abdrucks - und somit einer guten Laufökonomie. Die Schnelligkeit ohne diesen Unterboden zu trainieren, würde ich darüber hinaus für defizitär halten. Aber das ist eine pers. Meinung!


RE: Aerobes und anaerobes Training für 800 m - Reichtathletik - 01.07.2026

(01.07.2026, 13:30)-running- schrieb:
(01.07.2026, 11:19)RunSim schrieb: Wie würdet ihr Schnelligkeitsinhalte ins 800m Training einbauen? 
Und ab welchem Alter? Auch noch in "gehobenem" Alter, also 40 Jahre und aufwärts? 
Und wieviel Platz sollte eurer Meinung nach Schnelligkeitstraining in einer exemplarischen Woche haben, z.B. beim allgemeinen Aufbau im Herbst/Winter? 
Würdet ihr komplette Trainingseinheiten damit füllen oder eher z.B. einen 30 Minuten-Block zwischen Aufwärmen und einem (etwas verkürzten bzw nicht zu intensiven) Hauptprogramm legen? 

Ab welchem Alter: so jung wie möglich. Schnelligkeitstraining ist auch in der Kinderleichtathletik wichtig. Die Frage ist eher, in welcher Form ich das Training dann durchführe. Die Spezialisierung auf die 800 m sollte eher später stattfinden.
Schnelligkeit würde ich das ganze Jahr über trainieren. Im Winter vom (Zeit-)Umfang her weniger als im Sommer, aber grundsätzlich immer. Wenn ich „genügend“ Trainingseinheiten habe, dann gerne als eigenständige Einheit. Das funktioniert aber halt erst ab einer genügend großen Anzahl an Einheiten.
Und ich würde es auch im Alter noch machen – aber vorsichtig! Der Körper baut da eher ab, aus diesem Grund sind die Reize dort sehr sinnvoll. Auf der anderen Seite wird die Anfälligkeit für Verletzungen eventuell größer. Für mich ist es wichtiger, keine Verletzungen zu provozieren, als das letzte Prozent herauszukitzeln. Im Zweifel bei einer Einheit eher kürzertreten!

Kann meinen Vorrednern nur zustimmen. Wichtig ist: Ich würde Schnelligkeitstraining ganzheitlich sehen, also nicht allein als Sprinttraining. Dazu gehören auch Sprünge und koordinative Inhalte. In meiner Erfahrung lässt es sich auch gut mit Motorikläufen kombinieren, über die wir hier auch schonmal gesprochen haben. Dann hat man mühelos eine gesamte Einheit voll. Das würde ich auch immer bevorzugen als irgendwelche Mischeinheiten, wo der Körper gar nicht so recht weiß, in welcheRichtung er sich entwickeln soll und die Ermüdung sehr divus wird.
In die Schnelligkeitseinheit möglichst erholt gehen – also nach einem ruhigen Tag. Am Tag danach ist bei stabil trainierten ein moderates aerobes Training gut umsetzbar, da dies musuklär und neuronal nicht sehr belastend ist.