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Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Druckversion

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RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Jo498 - 22.09.2019

(22.09.2019, 08:34)Gertrud schrieb: Eine Sache halte ich auch für sehr wichtig. Nicht jeder hat die Kapazitäten für ein Studium. Der Mensch fängt nicht erst da an. Wir brauchen jede Arbeitssparte und auch die Achtung davor!!! Auch Paketzustellerin haben ihre gute Berechtigung. Die Gehälter stimmen in dem Bereich nicht. Das ist das Problem. Mein Nachbar, ein Top-Handwerker, ist für mich mehr wert als ein Akademiker. Der Spagat zwischen den unteren und oberen Gehältern stimmt heute nicht, weil sie meistens teilweise prozentual ansteigen.

Man kann von einem einzelnen Sportverband oder vom Sport ingesamt kaum erwarten, dass er eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung stoppt. Privatisierung, Prekarisierung, Altersarmut, Einkommens- und Vermögensspreizung sind seit etwa 20 Jahren gestiegen und es sind momentan auch keine politischen Mehrheiten absehbar, die das ändern werden (im Gegenteil und man erinnere sich, welchem Lager die Koalition, die hier die entscheidenen Weichen gestellt hat, nominell zugeordnet wurde). Zwar ergeben Umfragen über Präferenzen zur sozialen Absicherung, Ungleichheit usw. das Gegenteil, aber als Wähler "wollen wir das so", denn wir wählen seit langem entsprechende Mehrheiten. Oder noch zynischer, das System ist inzwischen so eingerichtet, dass Wahlen an diesen Strukturen und Entwicklungen nicht mehr viel ändern können.
Da sind die Sportverbände weitgehend machtlos; denn es hat sich im Sport überhaupt nicht viel geändert, die problematischen Veränderungen, die eine Sportlerkarriere als unkalkulierbares Risiko erscheinen lassen mögen, sind jenseits des Sports geschehen.


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - dominikk85 - 22.09.2019

Als trainer können bei uns halt neben den Bundestrainern nur wenige Trainer Vollzeit Leben und auch da lebt man von Vertrag zu Vertrag wie Post doc stellen in der Uni.

das liegt halt auch daran das LA bei uns wenig Geld generiert.
Das ist in den USA etwas anders auch da ist das natürlich begrenzt, aber da können College Trainer gut davon leben und Stars haben gut bezahlte privattrainer und dazu gibt es noch aus der Wirtschaft gesponserte Projekte wie NOP.


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - aj_runner - 22.09.2019

(22.09.2019, 12:22)lor-olli schrieb: Ein Studium bietet zumindest eine gewisse Flexibilität, es muss aber auch nicht immer ein Studium sein!
Ein paar weitere NAmen die mir spontan einfallen, die Sport und Ausbildung "gebacken bekommen" oder schon fertig haben:
Florian Orth
Maren Orth (ehem. Kock)
Maximilian Bayer
Alexandra Burghardt
Katharina Bauer
Hendrik Pfeiffer
Lisa Mayer
Thomas Röhler

Röhler ist absolute Weltklasse, Mayer hat 2016 zumind. im HF bei Olympia, hart betrachtet fallen die anderen dann aber schon stark ab.


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - aj_runner - 22.09.2019

(22.09.2019, 08:34)Gertrud schrieb: Meine Mutter hat für mich gearbeitet. Sie hat mir als Witwe mit einem Textilgewerbe das Studium und den Sport weitgehend ermöglicht und mir dann einen nagelneuen VW für fast 6000DM gekauft. 

Also, deshalb lehrt die AuA mal ruhig einen harten Weg und kein Leben auf dem Tablett!!! D

Gertrud

Auch wenn Du viel selbst eingebracht hast, sind das trotzdem nicht unwesentliche Unterstützungen. Als Trainerin hattest Du zudem den Beamtenstatus und jahrelang wurde dir die Wäsche gemacht. Ich will Deine Leistungen nicht kleinreden, Du hattest aber auch das Umfeld um Dich entsprechend entfalten zu können.
Wo ich Dir Recht gebe ist, dass es sich viele heute zu bequem machen. Das ist heute eine ganz andere Generation. Das sehe ich im Beruflichen, aber auch bei meinen Kindern. Es ist unheimlich schwierig zu vermitteln, dass das Geld nicht von der Personalabteilung, sondern von meinen Kunden kommt.
Wenn den Athleten mehr Vereinbarkeit von Ausbildung, Beruf und Studium ermöglicht werden würde, würden sicherlich mehr bei der Stange bleiben. Mit entsprechenden Kontakten in die Wirtschaft etc. könnte der DLV dazu maßgeblich beitragen.
Nils Schumann hat damals seine Banklehre abgebrochen, weil der merkte, Leistungssport und Beruf lassen sich nicht vereinbaren. Wenn Du morgens um 6 Uhr zur Ausbildung fahren musst, wirst Du nicht Olympiasieger. Später Millionär und Privatinsolvenz. Frank Busemann machte zwar die Lehre zu Ende, danach war er aber auch Profi.
Nico Motchebon versuchte am Ende seiner Karriere neben einem 8-h-Job noch zu Olympia zu kommen. Er hat sein ganzes Leben danach ausgerichtet. Im Winter morgens um 7 Uhr den DL bei Nacht und teilweise Eis und Schnee. Nach der Arbeit abends um 18 Uhr ging es dann zur Haupt-Trainingseinheit. Das Ende ist bekannt: 1/10 fehlte zur Norm.


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Gertrud - 22.09.2019

Zitat: 

Ich hatte immer familiär sehr gute Bedingungen. Auch mein Bruder hat mir als Handwerker Geräte selbst hergestellt. Meine Nachbarn haben nichts gesagt, wenn ich morgens in aller Herrgottsfrühe gehantelt habe. Mein Bruder hat mir gegenüber auf dem Feld hinter der Straße eine Kugelstoßanlage betoniert. An meinem jetzigen Haus hatte ich ein Kugelstoßanlage mit Scheinwerfern und eine Hammerschlaganlage für Beate Peters hinter dem Haus. Es war alles auf den Sport und meine Examina ausgerichtet.

Mein Mutter war ein absolutes Juwel und hat meine Athletinnen sehr oft nach dem Hanteltraining in meinem Haus beköstigt. An diesen Bedingungen muss man basteln, dass Athleten beste Bedingungen haben. Das heißt auch, dass einige Trainer mit ihren Schützlingen Schlüsselgewalt brauchen, um jederzeit optimal trainieren zu können und keine Zeit vergeuden müssen. Alles sollte individuell ausgerichtet sein. Als Diplom-Sportlehrerin hatte ich den Fachvorsitz an unserem Gymnasium. Ich hatte dienstags immer frei, so dass ich dann den gesamten Tag in Wattenscheid sein konnte. Dafür habe ich alles organisiert. Die Kolleginnen und Kollegen haben mich vertreten. Ich habe dafür wieder ihre Stunden irgendwann übernommen. Ich habe mir nicht eine Stunde schenken lassen. Selbst die Stunden meiner eigenen Abwesenheit als O-Teilnehmerin in Mexiko habe ich nachgeholt!!! Ich habe nicht nur genommen, ich habe auch gegeben. Man hat nicht umsonst die Hallen nach mir benannt. 

Es gab aber doch auch Medaillengewinner und Weltklasseleute mit guten Examina. Florian Schwarthoff ist ein renommierter Architekt geworden. Martin Lauer war WR und Ingenieur. Vom heutigen Prof. Dr. Wessinghage erzählte man sich, dass er sogar in den Pausen auf Flughäfen gelernt hat. Auch Siggi Wentz hat beruflich seinen Weg gemacht. So schlecht war er im Zehnkampf auch nicht. Wink ‌Ich hänge das aber gar nicht nur am Studium auf. Es gibt gute Berufe, die kein Studium erfordern und trotzdem den Lebensunterhalt begleichen können und auch glücklich machen. 

Gertrud


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Gertrud - 23.09.2019

Man sollte bei Talenten akribisch hinter den AuA ganz individuelle Bedingungen zusammenstellen. Das bedeutet Vor- und Nachsorge. Das kann sehr unterschiedlich in den Zubringern sein. Entscheidend ist die Sicht auf Sport und Lebensweg ansonsten. Die guten Sportbedingungen sollten Freiraum zeitlich auch für Examina und Berufsabschlüsse beinhalten. 

Natürlich gibt es drei Wege zum Erfolg. Ich selbst bevorzuge die Sicherheit; aber es ist klar, dass es auch den absoluten Sportweg zunächst mich anschließender Berufsetablierung gibt oder nur die Absicherung durch den Sport (Usain Bolt und Co) . Man sollte nur konsequent sein und auch irgendwie finanziell für später vorsorgen und sich möglichst "nicht zwischen die Stühle setzen"... Wenn man später als Trainer hauptberuflich arbeiten möchte, dann muss wissen, dass die Stellen rar, teilweise zeitlich limitiert sind und auch Netzwerke erfordern und das teilweise unter Aufgabe eigener Meinungen. 

Gertrud


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Atanvarno - 23.09.2019

Es spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, für ein paar Jahr voll auf den Sport zu setzen und die Berufsausbildung entsprechend zu verschieben. Nur sollte man erkennen, ob sich Erfolg einstellt, für den sich der Einsatz lohnt. Für ab und zu mal einen internationalen Einsatz oder Medaillen in einer doch eher brotlosen Disziplin wie Kugelstoß sollte man nicht für zehn Jahre nur auf den Sport setzen. Da muss man nebenher auch an der beruflichen Zukunft arbeiten.


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Jo498 - 23.09.2019

V.a. sollte ein Beruf aus dem Sportumfeld, so er denn gewählt wird, flexibler sein als LA- oder gar Wurftrainer. Also eher allg. Fitnesstraining, Physiotherapie, irgendwas, das sich sehr viel breiter im Sport/Fitness/Gesundheitsbereich einsetzen lässt, nicht nur in einer Nische.


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - MZPTLK - 23.09.2019

Das ist mir alles zu sehr aus der Sicht von nationaler oder internationaler Konkurrenzfähigkeit gesehen.
Das soll die ganze Leichtathletik sein? Angry

Ich kann mich noch dunkel erinnern, als ich Examen gemacht habe:
Der Tag hat 24 Stunden!
8 Stunden Pennen
10 Stunden Lernen(incl. WE = 70!!! Stunden/Woche), mehr geht nicht, bzw. ist nicht effektiv
2 Stunden Training
2 Stunden Essen, Einkaufen, Toilette, Zeitung lesen...
2 Stunden für Leute treffen Disco, Abhängen, usw...

Macht locker 14 Stunden Training pro Woche,
damit sind schon sehr gute Leistungen drin.
Wenn die nicht für nationale oder internationale Medaillen reichen, dann eben nicht.

Oder man schraubt den Trainingsaufwand runter auf sagen wir 6 Stunden/Woche.
Damit ist man immer noch in der Lage, gute Leistungen zu bringen,
wenn auch nicht auf nationalem Spitzenniveau.
Wenn man die LA nicht mit wenig(er) Aufwand und auif einem bescheideneren Leistungsniveau
betreiben kann oder will, hat man da eigentlich nichts verloren.
Egal mit welchem Talent, mit welchem Aufwand oder auf welchem Niveau,
LA kann immer Spass machen.

Wenn man wie heute die meisten Smartphone Zombies schon über 4 Stnden täglich
mit demselben verbrät und sogar während des Trainings seine neuen Likes auf Facebook
checken muss, geht das natürlich alles von der Zeit ab.
Piet Klocke lässt grüssen!


RE: Nadine Kleinert bei spiegel-online: "In zehn Jahren ist die Leichtathletik tot" - Jo498 - 23.09.2019

Es hat keiner behauptet, dass es die ganze Leichtathletik sein soll, aber es geht in dem von Kleinert aufgeworfenen Problem exakt um international konkurrenzfähige Profi-Leichtathletik. Dein Hinweis, dass Amateurleichtathletik auf subnationalem Niveau mit Studium vereinbar ist, ist daher am Thema vorbei.