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Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Druckversion

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RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Notalp - 14.07.2026

Das ist eine mögliche Antwort!  Denn was hat der Papst überhaupt mit dem Satz des Kamminers zu tun? Wollt ihr (Mariusfast usw.) dem Bub auch noch eine vermeintliche Papst- oder Vereinstreue anlasten? Was kommt als nächstes? Was wollt ihr noch in den Satz hineinlesen? Einen Exorzismus vielleicht? 

Wenn mich interessieren würde, was den Kamminer in religiöser Hinsicht antreibt, würde ich zuerst an jenes Naheliegende denken, das der Oldschoolrunner ins Spiel gebracht hat: Sinnfragen, das eigene Leben betreffend. Mit dieser Vermutung im Hinterkopf würde ich den Bub fragen, wie er seinen Satz bzw. die Dankbarkeitsgeste gemeint hat - und in welchem Verhältnis dies zu seiner sportlichen Handlungsorientierung steht. Kann sein, dass man eine sehr kluge und zugleich sehr Vernunft-orientierte  Antwort bekommt. So wie das auch bei der Islamischen Kopftuchträgerin der Fall sein könnte. 

Was ihr hier abzieht, hat selbstverständlich eine ganz andere Orientierung. Es ist die Orientierung an einem Verdachtsmoment. Also eine, die jedes Verstehen von vorneherein vereitelt. Überheblicher geht es kaum noch! Und ihr merkt das noch nicht einmal!


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Barnie - 15.07.2026

Ein letzter gutgemeinter Rat an all diejenigen, die schnell mit Verdächtigungen und Vorverurteilungen bei der Hand sind: Stellt euch mal eine Sekunde lang vor, man würde mit euch so verfahren und euch würde man Dinge unterstellen, die ihr gar nicht gesagt habt?! Fändet ihr das gut? Nein?! Dann denkt bitte das nächste Mal vorher zweimal darüber nach, bevor ihr wieder eine Behauptung raushaut. Danke.


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - mariusfast - 15.07.2026

(15.07.2026, 00:08)Barnie schrieb: Ein letzter gutgemeinter Rat an all diejenigen, die schnell mit Verdächtigungen und Vorverurteilungen bei der Hand sind: Stellt euch mal eine Sekunde lang vor, man würde mit euch so verfahren und euch würde man Dinge unterstellen, die ihr gar nicht gesagt habt?! Fändet ihr das gut? Nein?! Dann denkt bitte das nächste Mal vorher zweimal darüber nach, bevor ihr wieder eine Behauptung raushaut. Danke.

Ich habe ihm gar nichts unterstellt.

Es ging mir eher um das Grundsätzliche, dass wenn ich eine Gruppe unreflektiert supporte das immer die Gefahr birgt, dass eben die jungen Follower nicht so differenziert an die Sache rangehen und evtl. dann schauen was der Papst dazu sagt und denken ja das ist ja die größte Bewegung des Christentums.

Zu deinem letzten Abschnitt: Wird doch wie gesagt überall so gemacht. Wenn ich, sei es aus ausschl. humanitären Gründen wie es bei Warneke mit íhrem Wassermelonensymbol der Fall war, ein Zeichen für Palästina setze und evtl. sogar mit anderen antisemetischen Pro Palästina Anhänger demonstriere, dann brauch ich mich über Fragen, wieso man das nicht kritisiert, nicht wundern.


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Notalp - 16.07.2026

Ich möchte die Ausgangsfrage des Threads abschließend aus philosophischer Perspektive betrachten. 

Zunächst: An der Frage selbst gibt es nicht das geringste auszusetzen. Das Phänomen darf als ungewöhnlich genug angesehen werden, um die Frage aufzuwerfen. Entscheidend ist, mit welchem Vorverständnis man an die Form christlicher Selbstbekundung herantritt.

Tritt man mit dem Vorverständnis derer heran, welche die Selbstbekundung auf eine vermeintliche Gefährlichkeit der Religion oder das Geflecht problematischer Aussagen in heiligen Büchern oder die Dumpfbackigkeit von religiösen Fanatikern beziehen, lässt sich die Frage nur negativ beantworten: Der Redner weicht als 'Rollenträger' vom Selbstverständnis einer aufgeklärten Gesellschaft ab und muss sich - zumal im Hinblick auf bestimmte, nicht rechtfertigbare Positionen (Homosexualität als Sünde etc) - daher auch verantworten. Selbst dann, wenn er nichts weiter tut, als sich für eine gelungene Handlung bei Jesus Christus zu bedanken. 

Das ist freilich weder das einzig mögliche, noch ein als hinreichend zu erachtendes Vorverständnis. Man kann sich, wenn man auf die o.g. Verlautbarung verweist, nämlich auch auf die zentralen Gehalte christlicher (und ggf. nicht nur christlicher) Religiosität konzentrieren. Also auf den Schöpfungsgedanken (und somit die Auffassung, dass das menschl. Leben eine objektive Bedeutung hat), das heilsgeschichtliche Versprechen (dass der Tod ist nicht das letzte Wort ist) und die Ethik der Nächsten- und Feindesliebe beziehen. (Kann sein, dass die Liste nicht vollständig ist) In diesem Fall wird man den christl. Sportler nicht von vorneherein in einer Rechtfertigungsposition sehen. Es sei denn, man vertritt einen dogmatischen Atheismus. Ein Agnostiker, der zu dem Urteil neigt, dass die Frage nach Gott für sein pers. Leben absolut bedeutungslos ist, wird hingegen keinen vorbehaltlosen Richterstandpunkt einnehmen. Die einzige Position, die sich im Hinblick auf das Gesagte also von vorneherein rechtfertigen muss, ist dementsprechend diejenige, die einen solchen Richterstandpunkt vorbehaltlos für sich in Anspruch nimmt. 

Damit komme ich zu einem weiteren Vorverständnis - derer, die die christliche Religion nicht bloß als eine Privatangelegenheit, sondern als eine kulturelle Formation ansehen. Was ich damit meine, mache ich am Beispiel eines prominenten Philosophen deutlich, der nie im Verdacht stand, als Glaubender aufzutreten. (Der akademische Duktus liegt in der Natur der Sache und lässt sich daher entschuldigen): 

“Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur eine Vorläufergestalt oder ein Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus (alle Menschen sind gleich, Anm.), aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen einer postnationalen Konstellation zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede!” (Jürgen Habermas, 2001) 

Der Autor konzentriert sich hier vorrangig auf den ethischen Gehalt, was im Hinblick auf die Ausgangsfrage des Threads natürlich zu selektiv ist. Entscheidend ist aber, dass er sich ebenfalls auf einen zentralen Gehalt der christlichen Offenbarungsreligion konzentriert und die Bedeutung trotz der prekären Aussagen der Bibel für für unser ‘Menschenbild’ hervorhebt. Das kann er tun, weil ein derart geprägtes Selbstverständnis in der Lage ist, die prekären Aussagen in der Bibel (als mit dem Vernunftstandpunkt unvereinbar) als nicht entscheidend anzusehen. Ein Umstand, der auch für fromme Christen gelten kann. 

Damit komme ich zum letzten Punkt: dass die Rede vom Christentum immer schon über den Horizont einer Buchstabentreue hinausreichte, also immer schon offen für eine Vernunft-orientierte Auslegung gewesen ist. Selbst wenn man die letzte hier dargelegte Auffassung nicht teilt, so gehört sie in das Spektrum dessen, was notwendig ist, um sich ein Urteil erlauben zu können. Es sei denn, man macht es sich nicht ganz so schwer und fragt den Sportler ganz einfach ohne Richtergehabe, wie er seine Aussagen gemeint hat - gerechtfertigt durch die Ungewöhnlichkeit der christl. Selbstbekundung im Sport. Und was die ‘gesellschaftlichen Hintergründe’ betrifft, die von den Oberrichtern hier ins Spiel gebracht wurden, lässt sich sagen, dass ein objektivistischer und mit einer wissenschaftlichen Ursachenerklärung aufwartetender Standpunkt hinter der einfacheren, ‘hermeneutischen’ Erwägung Platz machen darf: dass der Sportler vielleicht eine symbolische Beziehung zwischen der Dramatik sportlichen Handelns und der Dramatik des Lebens herstellt…

Danke


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Sandmann - 16.07.2026

Auch wenn Notalp seine eigenen Betrachtungen für "abschließend" erklärt hat, erlaube ich mir, einen weiteren Gedanken hinzuzufügen:

Ich erkenne hier das bekannte Spannungsverhältnis zwischen positivem und negativem Freiheitsbegriff. Im Hinblick auf die Religionsfreiheit (ein Menschrecht u.a. laut Grundgesetz und UN-Deklaration) zeigt sich dieses Spannungsverhältnis sehr deutlich anhand eines Vergleichs zwischen den USA und Frankreich, zwei modernen, von bürgerlichen Revolutionen im späten 18. Jahrhundert geprägten westlichen Demokratien. In den USA wird Religionsfreiheit als positive Freiheit interpretiert, die ein offenes und ostentatives Ausleben der eigenen Religiosität („free exercise“) ermöglicht. In Frankreich hingegen soll der Staat die Bürger vor religiöser Bedrängnis schützen. Also ein negatives Freiheitsverständnis: Freiheit „vor“ etwas statt Freiheit „zu“ etwas. Das Religiöse wird konsequent in die private Sphäre verwiesen, der öffentliche Raum wird, auch mit repressiven Mitteln, "neutral" gehalten. Eine Richterin mit Kopftuch ist in Frankreich undenkbar. In den USA wäre es undenkbar, ihr das Kopftuch zu verbieten - beides im Namen der Religionsfreiheit. 

Zwischen diesen beiden Extremen lassen sich natürlich pragmatische Kompromisse aushandeln. So ist m.E. die Praxis auch hierzulande. Für mich heißt das: Toleranz gegenüber erkennbaren religiösen Bekenntnissen auch im öffentlichen Raum auf der einen Seite, Verzicht auf übergriffige Ostentation auf der anderen Seite.


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - TranceNation 2k14 - 16.07.2026

Aktuell sind wir hier v.a. im Spannungsverhältnis der Spekulation...wenn ich mich recht erinnere war die Ausgangslange folgende:

A) Ein Athlet lebt im Freudentaumel seine Religiösität aus
B) Einige fundamentalistisch Gläubige pflegen ein konservatives, anti-liberales und somit auch nicht zu tolerierendes Weltbild.

Ich habe nicht jeden Gedankengang hier nachgelesen, aber die Verbindung von A und B ist weiterhin nicht bewiesen?


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Oliver - 16.07.2026

(16.07.2026, 15:36)TranceNation 2k14 schrieb: Ich habe nicht jeden Gedankengang hier nachgelesen, aber die Verbindung von A und B ist weiterhin nicht bewiesen?

Es gibt nicht einmal Anhaltspunkte. Offenbar stören sich hier manche Forenmitglieder grundsätzlich an gläubigen Menschen. Das ist im Rahmen der Meinungsfreiheit völlig legitim. Problematisch wird es erst, wenn Christen pauschal als homophob dargestellt werden. Gerade die evangelische Kirche in Deutschland zeigt seit Jahren ein deutlich anderes Bild.


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - Atanvarno - 16.07.2026

Die spekulative Annahme ist, dass jemand, der seine Religiosität so offen auslebt (nicht nur die Dankespose, sondern auch Siegerinterview und Instagramaccount als weitere Anhaltspunkte), eher einer fundamental konservativen Ausprägung des Christentums angehört als der EKD. Da aber bereits das Spekulation ist, sollten darauf aufbauende noch weiter gehende Unterstellungen wohl tatsächlich unterblieben.


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - TranceNation 2k14 - 16.07.2026

Das erinnert mich an ein älteres Meme: Von wem werden die meisten extremistischen Terroranschläge verübt?
A: Inländer
B: Ausländer
C: Extremistische Terroristen


RE: Offen ausgelebter Glaube - problematisch oder völlig normal? - mariusfast - 16.07.2026

(16.07.2026, 16:40)Oliver schrieb:
(16.07.2026, 15:36)TranceNation 2k14 schrieb: Ich habe nicht jeden Gedankengang hier nachgelesen, aber die Verbindung von A und B ist weiterhin nicht bewiesen?

Es gibt nicht einmal Anhaltspunkte. Offenbar stören sich hier manche Forenmitglieder grundsätzlich an gläubigen Menschen. Das ist im Rahmen der Meinungsfreiheit völlig legitim. Problematisch wird es erst, wenn Christen pauschal als homophob dargestellt werden. Gerade die evangelische Kirche in Deutschland zeigt seit Jahren ein deutlich anderes Bild.

Nicht alle religiöse Menschen sind homophob. Jedoch beziehen sich diejenigen, die es sind, auf ihre Religion. Und die wenigsten davon sind dann wohl "extremistisch". Ein Problem ist es für mich hier in Deutschland trotzdem. Toleranz ggü. Intoleranz führt zu Zerstörung der Toleranz nach K. Popper. Es ist einfach naiv zu sagen es hat nichts mit Religion zu tun, wenn die Position der katholischen Kirche aktuell noch so ist  (" Sünde"....in welchen Jahrhundert leben wir Confused ).

 Und es ist auch nicht problematisch jemanden nach den Inhalten zu fragen, was denn nun "Christ" sein für ihn bedeutet, wenn er damit in die Öffentlichkeit geht.