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Leistungsentwicklung im Mehrkampf - EAF2017 - 22.08.2017

Ich bin ja ein großer Mehrkampf-Fan und habe inzwischen schon mal ein (etwas verfrühtes) Saison-Resumee gezogen.
Wer mich im deutschen Mehrkampf, trotz der Aufgabe bei der WM, überrascht hat, ist definitiv Mathias Brugger. Wenn ich mir seine Karriere so angucke: im Juniorenbereich scheint er ja ein vielversprechendes Talent gewesen zu sein, Vize-Europameister der U20 (hinter Kevin Mayer) 2011, 2012 EM-Teilnahme bei den Aktiven.
Danach schien er über Jahre hinweg zu stagnieren oder sich nur noch geringfügig zu verbessern. Das erste Mal wieder aufgefallen ist er eigentlich erst durch seine Bronzemedaille bei der Hallen-WM 2016. Dieses Jahr hat er im Freien eine tolle Steigerung hingelegt.
Insgesamt kann man festhalten, dass einer, der in der Versenkung zu versinken drohte, den Sprung an die deutsche Spitze geschafft hat.
Eine ähnliche Entwicklung konnte man vor einigen Jahren bei Carolin Schäfer auch beobachten. Nach erfolgreichen Jugendjahren schien da nichts mehr zu kommen, bis sie 2014 in Götzis den Durchbruch schaffte - der Rest ist Geschichte.
Diese Entwicklung scheint es nicht nur in Deutschland zu geben: Schäfers Konkurrentin aus Jugendjahren, die Tschechin Katerina Cachova (2007 U18-Weltmeisterin vor Schäfer, 2009 U20-Vizeeuropameisterin hinter Schäfer) verschwand nach 2011 ebenfalls von der Bildfläche und mischt jetzt wieder bei internationalen Höhepunkten mit.
Hat jemand von euch eine Erklärung für einen derartigen Karriereverlauf, der ja so selten nicht zu sein scheint, oder kennt ähnliche Beispiele?


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - EAF2017 - 22.08.2017

Ich ergänze gleich selbst mal (im Siebenkampf fallen mir direkt noch ein paar Beispiele ein):

Laura Ikauniece-Admidina, 2012 mit 20 EM-Silber und über 6400 Punkte, danach zwei Jahre lang mit in der europäischen Spitze, aber auch ohne Leistungsentwicklung, 2015 dann Bronze in Peking und heute 6800 Punkte-Athletin

Ivona Dadic, 2012 mit 19 für Olympia qualifiziert, dann jahrelang weg vom Fenster, ab U23-EM-Bronze 2015 ging es wieder aufwärts, in London WM-Sechste

Austra Skujyte, 2004 Olympia-Medaille, dann jahrelang nicht ganz vorne mit dabei, 2012 mit über 30 wieder in Topform (sie müsste doch eigentlich nach der Disqualifikation von Chernova Bronze von London erhalten?)

So einen richtigen "Durchmarsch" von der Jugend bis in die Weltspitze hat eigentlich niemand wirklich geschafft (Ausnahme: Carolina Klüft und evtl. Nafi Thiam). Andere "erblühten" erst, als sie aus dem Jugendbereich schon raus waren: Jessica Ennis beispielsweise wurde erst dann wirklich Weltklasse, als sie Werfen lernte, und Athletinnen wie Anouk Vetter oder Claudia Salman-Rath sind in der Jugend nie besonders aufgefallen. Auch Brianne Theisen-Eaton rangierte bei U18- und U20-Welteisterschaften unter "ferner liefen". Katarina Johnson-Thompson hingegen hat das im Jugendbereich angedeutete Potenzial wenn überhaupt bislang nur in der Halle realisiert.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - EAF2017 - 22.08.2017

Bei den Männern sind sicherlich die Meister des Comebacks Abele und Schrader. Krauchanka würde ich noch nennen wollen, der als Junior überragend war und den man eigentlich auch schon abgeschrieben hatte, als er 2014 Europameister wurde.

Von Ashton Eaton und Damian Warner habe ich keine Ergebnisse aus Juniorenjahren. Mayer war natürlich auch ein sehr vielversprechendes Talent und hat das spätestens in Rio bestätigt, in den Jahren 2013 und 2014 aber bereits angedeutet.

In Anbetracht der hier dargestellten "Leistungskurve" bei einigen Athleten könnte man auch darüber spekulieren, welche schon abgeschriebenen Athleten wir wider Erwarten doch noch mal bei einer internationalen Meisterschaft wiedersehen.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - lor-olli - 22.08.2017

Erklärungen?

Zum einen ist da die Umstellung auf die größeren Gewichte in den Wurfdiziplinen, dann kommt oft auch noch eine merkliche Gewichts-/Kraftsteigerung in dem Alter dazu - das muss koordinativ auch erst einmal sitzen.

Ebenfalls nimmt mit dem Eintritt in die Hauptklasse die Zahl der Konkurrenten deutlich zu, es sind ja hier nicht nur einige wenige Jahrgänge am Start, sondern praktisch alle Aktiven (also statt 2-3 sind es plötzlich bis zu 15 Jahrgänge)

In der Hauptklasse sind bei internationalen Wettkämpfen dann oft auch die Felder größer, wodurch eine zeitliche Streckung der Wettkämpfe erfolgt - abgesehen von "Mehrkampf only Veranstaltungen" wie Götzis oder Ratingen. Hier muss sich dann der Mehrkampf in das gesamte Wettkampfschema, z.B. bei Olympia einfügen, da kommen dann ein paar zusätzliche Stunden auf dem Platz dazu und entsprechend häufig weniger Nachtruhe/Erholungszeit.

Bei den Spezialisten bleibt zumindest der Wettkampf selbst gleich, wenn auch mit deutlich mehr Zuschauern in großen Stadien (das hat in London doch einige beeindruckt), beim Mehrkampf dann außerdem noch die erwähnten Veränderungen. Alles in allem scheinen die gar nicht so groß, rechnet man aber alles zusammen ist das nicht mehr so trivial. Man kann z.B. besonders bei jungen Mädchen die Probleme auch etwa beim Hochsprung erkennen - plötzliches, schnelles Längenwachstum und Gewichtszunahme verändern eine Technikanpassung, simples Hungern zur Gewichtsreduktion funktioniert oft nicht, denn das geht an die Substanz, auch die der Psyche!

Ich finde diesen "Leistungsknick" eigentlich gar nicht verwunderlich, sondern eher natürlich. Hier spielt dann auch die mentale Stärke des / der Athleten /Athletin eine Rolle. Einigen denen immer alles in den Schoß gefallen ist, fehlt dann eine gewisse Härte und der Siegeswillen über diese Phase hinweg zu kommen. Häufig steht in dieser Altersphase zudem auch noch ein Orts- oder Vereins-, sowie ein Trainerwechsel an, das kann ebenfalls schief gehen bzw. Anpassung erfordern.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - dominikk85 - 22.08.2017

Im mehrkampf spielen halt auch immer Verletzungen eine große Rolle.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - eierluke - 22.08.2017

Brugger hatte zwischen nach 2012 bis 2015 immer wieder verschiedenste gesundheitliche Probleme. Keine schlimmen Verletzungen, wie z.B. bei Schrader aber genug, dass er meines Wissens schon ans Aufhören dachte.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - jono - 22.08.2017

Wie siehts eigentlich bei Schrader aus? Wird der wieder fit? Falls ja, ist ja auch schon 30, mal schauen was da noch so gehen sollte.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - longbottom - 22.08.2017

(22.08.2017, 17:09)jono schrieb: Wie siehts eigentlich bei Schrader aus? Wird der wieder fit? Falls ja, ist ja auch schon 30, mal schauen was da noch so gehen sollte.

Er war ja Experte im ZDF-Livestream während der WM, und da hat er gesagt, dass Tokio 2020 noch ein Ziel ist.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - EAF2017 - 22.08.2017

Das ist ja schon mal sehr interessant, was hier geschrieben wurde :-)
Die Erklärungen von lor-olli finde ich prinzipiell gut überlegt und einleuchtend. Anmerken möchte ich nur:
Die angesprochene Veränderung der Gewichte in den Wurfdisziplinen gibt es meines Wissens nur im Zehnkampf, die Siebenkämpferinnen benutzen von der U20 bis zu den Erwachsenen dieselben Gewichte.
Der "Meisterschaftsmodus" ist bei den Erwachsenen natürlich noch mal ein ganz anderer als in der Jugend. Aber in den von mir beschriebenen "Dürrejahren" der jeweiligen Athleten blieb nicht nur die Leistung bei Meisterschaften aus, sondern der Athlet verschwand häufig ganz aus der Versenkung und erzielte noch nicht einmal bei einem Dorfsportfest eine Steigerung. Dagegen stellte Laura Ikauniece 2012 ausgerechnet bei Olympia eine neue PB auf und konnte sich dann drei Jahre erst mal nicht steigern.
Dass man nicht in jedem Jahr eine phänomenale Steigerung hinlegen kann, ist klar. Mir ging es explizit um Athleten, denen man ihre Steigerungen schon nicht mehr wirklich zugetraut hatte. Ich denke auch, dass ein wichtiger Punkt da das Durchhaltevermögen ist und der Wille, sich mit Fleiß dorthin zu arbeiten, wohin man durch sein Talent gewollt hätte - nach oben.
Dass Mathias Brugger zwischenzeitlich übers Aufhören nachgedacht hatte, wusste ich nicht. Aber es gibt ja einige Athleten, die recht früh tatsächlich aufhören (müssen), auch weil sie die Kosten und Einschränkungen nicht mehr tragen können und/oder ihr Körper nicht mehr mitmacht.
Schrader wünsche ich ein erfolgreiches Comeback. Ich habe wahnsinnig viel Respekt dacor, wie er sich immer und immer wieder zu Top-Leistungen zurückkämpft.


RE: Leistungsentwicklung im Mehrkampf - Dackfield - 22.08.2017

Bei den Ulmern fällt auf das dort immer unheimlich viele verletzt sind
Diese Saison haben Abele, Nowak, Eitel und am Ende auch Brugger es nicht geschafft verletzungsfrei zu bleiben
Gerade bei Abele, Eitel oder auch Brugger ist das verletzungstechnisch ja seit Jahren leider so

Bei Schrader kann man nur hoffen, aber er wird ja auch nicht jünger

An wichtigsten ist aber das Enahoro und Kaul gesund bleiben. Ich hoffe da macht man von Anfang an die richtigen Ùbungen.